Die Wirkung bewusster Formulierung

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Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  Anjana am Mi Jan 14, 2015 10:32 pm

Hallo ihr Lieben,

mir ist eben beim kommentieren etwas aufgefallen. Ich weiß nicht, ob das schon mal irgendwo angesprochen wurde, ein eigenes Thema hat es jedenfalls nicht. Aber ich denke, es wäre den einen oder anderen Gedanken wert.

Es geht mir jetzt mal tatsächlich um die reine Formulierung. Seit ich Clark gelesen habe, ist mir durchaus bewusst, dass die Formulierung eine große Wirkung haben kann. Deswegen hier mal eine Frage zu einem Satz. Ich würde gern wissen, ob ihr das auch so empfindet wie ich. Und was eure Gedanken zu dem Thema sind. (Ich hab mir den Satz mal stibitzt, Noemi, ich hoffe, das ist okay.)

Vor ihren geschlossenen Augen tanzten helle Flecken.
--> Mein Leserblick geht auf die Person, "vor deren Augen" etwas geschieht.

Die erste Information ist auf das Sinnesorgan gerichtet. Da man selbst dieses aber in der Regel nicht wahrnimmt, wird man aus der direkten Wahrnehmung auf eine Art Metaebene gebracht. Die Information für Leser und Figur laufen nicht synchron ab.

Helle Flecken tanzten vor ihren Augen
--> Mein Blick geht auf die dieselbe Information, die die Figur wahrnimmt.

Die erste Information ist dieselbe wie die der Figur und auch die Erkenntnis, dass da etwas "vor ihren Augen" tanzt, läuft synchron mit dem Erleben der Figur ab. (und ist als Redewendung auch eindeutig genug.

Wo ich das gerade schreibe, bin ich mir recht sicher, dass wir das schon mal irgendwo angesprochen haben. Zumindest was die erste Information im Satz angeht. (Ich schaue gleich noch mal, ob ich das Thema finde und hänge es dort an)

Aber meine Frage: Empfindet ihr das genauso? Ist

Und geht es euch auch so, dass es anders ist, wenn dort steht:

Vor meinen Augen tanzten helle Flecken.
bzw. Helle Flecken tanzten vor meinen Augen.

Ich persönlich empfinde zwar auch hier den zweiten Satz als intensiver, aber der erste reißt mich nicht ganz so raus, weil ich trotzdem aus der Figur herausschaue und nicht plötzlich von außen auf sie schaue. Allerdings ist hier trotzdem eine Metaebene zwischengeschaltet, weil ich erst verorte, was ich wahrnehme und dann erst dieses benenne, obwohl es ebenfalls andersrum sein müsste. Ich muss erst etwas wahrnehmen, bevor ich es verorten kann ... scratch

Okay, genug wirre Gedanken für heute morgen^^ Wink

lg
Ani



#Perspektive #Metaebene #Sinneswahrnehmung


Zuletzt von Anjana am Di Apr 26, 2016 4:00 am bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  Tachadenn am Do Jan 15, 2015 12:34 am

Liebe Anjana,

Vor ihren geschlossenen Augen tanzten helle Flecken.
--> Mein Leserblick geht auf die Person, "vor deren Augen" etwas geschieht.

Helle Flecken tanzten vor ihren Augen
--> Mein Blick geht auf die dieselbe Information, die die Figur wahrnimmt.

Dies ist eine tolle Eigenschaft der deutschen Sprache (der bretonischen übrigens auch), die den romanischen Sprachen fehlt: Das wichtige (der Informations-Schwerpunkt) kommt im Satz nach vorne. Dein Gefühl täuscht dich nicht.

Klar gibt es Abweichungen, wenn man überraschen will, etwa in Witzen.

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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  Anjana am Do Jan 15, 2015 12:43 am

Dies ist eine tolle Eigenschaft der deutschen Sprache (der bretonischen übrigens auch), die den romanischen Sprachen fehlt: Das wichtige (der Informations-Schwerpunkt) kommt im Satz nach vorne. Dein Gefühl täuscht dich nicht.

Rein semantisch ist mir das klar. Wink

Die Frage bezog sich ja aber auf das Empfinden im Leser hinsichtlich der Perspektiven, bzw. der Kameraführung. Und das ist ja etwas Subjektives, das sich nicht durch semantiksche Kriterien beurteilen lässt. (Wie man an der Erzähltheoretischen Diskussion von Noemi und mir sehen kann. Momentan fehlt mir übrigens die Zeit, mich da wieder einzudenken^^ Embarassed )
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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  Tachadenn am Do Jan 15, 2015 1:51 am

Hi Anjana,

die Wirkung einzelner Phrasen kannst du nicht an solch' kurzen Textfragmenten festmachen. Wenn ich lese, dann entwickelt sich mein inneres Kino über viele Absätze hinweg. Von dieser Stimmung hängt ab, wie die Phrase wirkt: Was ziehe ich im Satz vor, was stelle ich hinten an, will ich den Leser überraschen (Spannung erhöhen), welche zeitliche Reihenfolge - aus Sicht der Figur oder des Leser?

Das alles spielt eine Rolle. Satzstellungen können sich durchaus ändern, wenn ich bei einer Figur die Motivation/Stimmung oder anderes ändere.

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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  Anjana am Di Jan 20, 2015 10:34 pm

die Wirkung einzelner Phrasen kannst du nicht an solch' kurzen Textfragmenten festmachen.
In bezug auf die Perspektive kann man das mMn durchaus. Also ich kann das zumindest. Deswegen ja auch die Frage, ob es euch genausogeht. Auch hier sieht man also wieder, Leser ticken unterschiedlich. Wink

Wenn ich lese, dann entwickelt sich mein inneres Kino über viele Absätze hinweg. Von dieser Stimmung hängt ab, wie die Phrase wirkt: Was ziehe ich im Satz vor, was stelle ich hinten an, will ich den Leser überraschen (Spannung erhöhen), welche zeitliche Reihenfolge - aus Sicht der Figur oder des Leser?
Ja, wenn man das gesamte Drumherum betrachtet schon, aber um das ganze drumherum geht es mir eben nicht. Natürlich wirkt ein Satz eingebettet immer etwas anders als wenn er isoliert dasteht. Aber gerade deswegen finde ich es auch hilfreich ihn mal ganz für sich zu betrachten, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass die jeweilige Nunace eben einen Effekt hat und als Autor hat man immer ein anderes Kino als der Leser. Und eben auch ein anderes Gefühl, was sich sehr häufig darin wiederfindet, dass wichtige Dinge ausgesparrt werden, weil sie für den Autor in dem Moment vorhanden und vollkommen klar sind. Und dann kann es manchmal auch hilfreich sein, zu schauen, wo habe ich es mir vielleicht auch durch Formulierungen erschwert. Und in diesem Fall eben in Bezug auf die Perspektive. Und auf nix anderes.
Wie gesagt, bei mir macht die unterschiedliche Satzstellung in Bezug auf die Perspektive, wie ich den Inhalt "vor mir sehe" einen recht großen Unterschied.

Das alles spielt eine Rolle. Satzstellungen können sich durchaus ändern, wenn ich bei einer Figur die Motivation/Stimmung oder anderes ändere.
Da widerspreche ich auch gar nicht und bin deiner Meinung. Wink
Aber ich wollte in dem Thread eben ganz isoliert die Kameraperspektive für das Kopfkino betrachten.
Insbesondere bei so klaren Redewendungen besteht bei mir immer die Gefahr, dass ich da drüber weglese, wenn ich selbst schreibe. Als reiner Leser fällt es mir aber schon mal auf und reißt mich raus.
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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  Anjana am Mi Aug 16, 2017 7:38 pm

Ich würd die Diskussion hier gerne noch mal nach oben holen, weil ich beim Kommentieren wieder darüber gestolpert bin.

In diesem Absatz
Lara hechtet zu Rita. „Geht das auch mal in mehr als einem Halbsatz? Ich bin hier gegen meinen Willen und sie hauen mir ständig nur Satzstücke vor die Füße. Ich will jetzt endlich wissen, was hier los ist.“
Rita zuckt mit den Schultern. „Wie oft denn noch?“
Lara kann sich kaum beherrschen. Oberkörper nach vorne gedrückt, beide Hände zu Fäusten geballt nähert sie sich Rita. „Willst du mich verarschen?“
empfinde ich den fettgedruckten Satz als Perspektivbruch und ich frage mich, ob das daran liegt, dass zweimal so nah hintereinander der Name genannt wird, statt des Personalpronomens oder ob es an dem Tell liegt, bei dem ich das Gefühl habe, dass jemand von außen mir erklärt was da passiert ( ich es also als Tell wahrnehme).
Interessanterweise sind solche Aussagen aber in der Ich-Perspektive in meiner aktuellen Abendlektüre gar nicht selten und funktionieren bestens. Und nun frage ich mich: Liegt das daran, dass ich dem Ich-Erzähler das sofort glaube (also "ich kann mich kaum beherrschen"), während ich in der 3. Person erstmal denke, ach ja, und woher willst du das wissen? ? Und dadurch dann eben auch wieder von außen auf die Figur schaue ...
Und geht das noch anderen so oder bin ich da wieder mal komisch?
Oder habt ihr noch ganz andere Erklärungsideen für den Effekt, der bei mir eintritt?
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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  magico am Mi Aug 16, 2017 7:41 pm

@Anjana schrieb:Und nun frage ich mich: Liegt das daran, dass ich dem Ich-Erzähler das sofort glaube (also "ich kann mich kaum beherrschen"), während ich in der 3. Person erstmal denke, ach ja, und woher willst du das wissen? ? Und dadurch dann eben auch wieder von außen auf die Figur schaue ...

Mir geht es genauso und für mich liegt es ganz klar an dem oben Erwähnten. Der Erzähler beschreibt von außen eine Szene und plötzlich webt er die Emotionen der Figuren mit ein. Das hat für mich etwas von Kinder-Hörspielen, wo der allwissende Erzähler immer wieder bestimmte Dinge erklärt/zeigt.

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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  Ankh am Mi Aug 16, 2017 10:10 pm

Lara kann sich kaum beherrschen. Oberkörper nach vorne gedrückt, beide Hände zu Fäusten geballt nähert sie sich Rita.
Der erste Satz ist etwas zu allgemein; das ist eine Feststellung, die Lara zwar über sich selbst treffen kann, aber wirkt in einer Situation, in der sie wütend ist, ein wenig zu kühl-analytisch*. Alleinstehend als kurze Feststellung zwischen Dialogzeilen fände ich es aber okay. Man muss nicht immer jedes Zucken des Augenlids haarklein beschreiben, wenn die Figur weiß, dass sie wütend ist, kann man auch schreiben "sie ist wütend".

Damit sind wir beim nächsten Satz, der ist zwar als Vertiefung dieser "Analyse" gedacht, was an sich ganz prima ist, aber die Art der Beschreibung ist mir zu distanziert. Niemand, der wütend ist, achtet bewusst auf die Oberkörperhaltung. Das beachtet man beim Gegenüber, wenn man dessen Körpersprache deuten will, aber aus der eigenen Perspektive heraus würde man eher die Spannung im Magen, eine Hitzewallung, einen zusammengepressten Kiefer oder etwas ähnlich starkes Inneres wahrnehmen. Was spürt Lara, wenn Lara wütend ist und sich kaum beherrschen kann? Wenn man da eine gute Beschreibung findet, die exemplarisch verdeutlicht, was gerade emotional in ihr vorgeht, kann man die Analyse "Lara kann sich kaum beherrschen" vermutlich sogar weglassen.

Zum Vergleich mal so:
Lara hechtet zu Rita. „Geht das auch mal in mehr als einem Halbsatz? Ich bin hier gegen meinen Willen und sie hauen mir ständig nur Satzstücke vor die Füße. Ich will jetzt endlich wissen, was hier los ist.“
Rita zuckt mit den Schultern. „Wie oft denn noch?“
Laras Zähne knirschen aufeinander. „Willst du mich verarschen?“
Wäre das für euch mehr in ihrer Perspektive?



*Für genau diese Figur kann das durchaus passend sein! Wink
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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  Anjana am Mi Aug 16, 2017 11:59 pm

Mein Handy ist fast leer, daher ganz schell: mir geht's bei der Frage gar nicht um Textarbeit (die können wir gerne direkt in der internen Textarbeit machen), sondern ausschließlich um die Frage warum derselbe Satz in unterschiedlich personalen Perspektiven unterschiedlich wirkt. bzw. ob das bei euch überhaupt auch der Fall ist.

Ich habe die umliegenden Sätze diesmal nur hinzugefügt, damit es vielleicht einfacher ist, zu erkennen, wie der Satz auf einen wirkt.

Also meine Frage ist:

Warum empfinde ich den Satz in dieser Version als Perspektivbruch:
Lara hechtet zu Rita. „Geht das auch mal in mehr als einem Halbsatz? Ich bin hier gegen meinen Willen und sie hauen mir ständig nur Satzstücke vor die Füße. Ich will jetzt endlich wissen, was hier los ist.“
Rita zuckt mit den Schultern. „Wie oft denn noch?“
Lara kann sich kaum beherrschen. Oberkörper nach vorne gedrückt, beide Hände zu Fäusten geballt nähert sie sich Rita. „Willst du mich verarschen?“


in dieser aber nicht:
Ich hechte zu Rita. „Geht das auch mal in mehr als einem Halbsatz? Ich bin hier gegen meinen Willen und sie hauen mir ständig nur Satzstücke vor die Füße. Ich will jetzt endlich wissen, was hier los ist.“
Rita zuckt mit den Schultern. „Wie oft denn noch?“
Ich kann mich kaum beherrschen. Oberkörper nach vorne gedrückt, beide Hände zu Fäusten geballt nähere ich mich Rita. „Willst du mich verarschen?“


Immerhin sind beides personale Perspektiven und derselbe Text. Und dennoch wirkt derselbe Satz auf mich einmal auktorial und einmal personal.

@magico:
Mir geht es genauso und für mich liegt es ganz klar an dem oben Erwähnten. Der Erzähler beschreibt von außen eine Szene und plötzlich webt er die Emotionen der Figuren mit ein. Das hat für mich etwas von Kinder-Hörspielen, wo der allwissende Erzähler immer wieder bestimmte Dinge erklärt/zeigt.
Wobei es ja auch in der personalen Perspektive durchaus üblich ist, über erlebte Rede in eine Figur hineinzuschauen.
Aber ich bin sehr beruhigt, dass ich nicht die einzige bin, der es so geht^^

@Ankh: empfindest du denn in den Ursprungsversionen auch, dass das eine ein Bruch ist und das andere nicht?


Zuletzt von Anjana am Do Aug 17, 2017 7:24 pm bearbeitet; insgesamt 3-mal bearbeitet (Grund : Handytippfehler korrigiert)
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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  escritora am So Aug 20, 2017 1:23 pm

@all
gibt es eine Funktion, bei der ich über neue Threads per Mail informiert werde? Ich bekomme hier so vieles nicht mit.

Nun zu deiner Frage @anjana.

Wenn ich davon ausgehe, dass bei der personalen Perspektive eine Kamera auf der Schulter sitzt, dann bekomme ich sehr wohl mit, ob sich eine Figur beherrschen kann oder nicht. Und wenn ich das dann schildere, sehe ich da keinen Stilbruch oder eine fremde Perspektive.

Natürlich ist das Tell, klar, aber, ob sich jemand beherrschen kann, sehe ich von außen, da muss ich nicht auktorial sein.
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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  magico am So Aug 20, 2017 8:55 pm

@escritora: Ich würde eher sagen, dass es auf den Charakter und die Situation ankommt. Manchen Leuten merkt man gar nichts an. Sie beherrschen sich nach außen hin.

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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  Ankh am So Aug 20, 2017 10:23 pm

@Anjana schrieb:@Ankh: empfindest du denn in den Ursprungsversionen auch, dass das eine ein Bruch ist und das andere nicht?
Meist du jetzt in der ersten Version der Szene, die @escritoria gepostet hat, oder wo?

Also meine Frage ist:

Warum empfinde ich den Satz in dieser Version als Perspektivbruch:
Lara hechtet zu Rita. „Geht das auch mal in mehr als einem Halbsatz? Ich bin hier gegen meinen Willen und sie hauen mir ständig nur Satzstücke vor die Füße. Ich will jetzt endlich wissen, was hier los ist.“
Rita zuckt mit den Schultern. „Wie oft denn noch?“
Lara kann sich kaum beherrschen. Oberkörper nach vorne gedrückt, beide Hände zu Fäusten geballt nähert sie sich Rita. „Willst du mich verarschen?“


in dieser aber nicht:
Ich hechte zu Rita. „Geht das auch mal in mehr als einem Halbsatz? Ich bin hier gegen meinen Willen und sie hauen mir ständig nur Satzstücke vor die Füße. Ich will jetzt endlich wissen, was hier los ist.“
Rita zuckt mit den Schultern. „Wie oft denn noch?“
Ich kann mich kaum beherrschen. Oberkörper nach vorne gedrückt, beide Hände zu Fäusten geballt nähere ich mich Rita. „Willst du mich verarschen?“


Immerhin sind beides personale Perspektiven und derselbe Text. Und dennoch wirkt derselbe Satz auf mich einmal auktorial und einmal personal.

Das liegt daran, dass du bei einer Ich-Perspektive im Zweifel von Personal ausgehst, bei Er eben nicht unbedingt. Auch in der Ich-Perspektive empfinde ich den Satz nicht als besonders tiefe Perspektive, aber das "Ich kann mich kaum beherrschen" lässt sich leichter als Feststellung, als Fazit der eigenen Empfindungen werten, statt als äußere Beobachtung. Da ich beim Er (oder Sie, in dem Fall) sowieso schon ein Stück weiter draußen bin und mich eben nicht 100% mit der Figur decke, sondern sie immer noch als buchstäblich 3. Person wahrnehme, wirkt es eher wie eine äußere Betrachtung. Aber wie gesagt, mich beeinflusst da eher der darauffolgende Satz.


Wenn ich davon ausgehe, dass bei der personalen Perspektive eine Kamera auf der Schulter sitzt, dann bekomme ich sehr wohl mit, ob sich eine Figur beherrschen kann oder nicht. Und wenn ich das dann schildere, sehe ich da keinen Stilbruch oder eine fremde Perspektive.

Natürlich ist das Tell, klar, aber, ob sich jemand beherrschen kann, sehe ich von außen, da muss ich nicht auktorial sein.
Wenn sich jemand beherrscht, siehst du im Zweifelsfalle von außen gar nichts, wenn du nicht weißt, dass er sich eigentlich innerlich gerade aufregt. Deshalb ist nur von außen betrachten nicht unbedingt zielführend. Die "Kamera" der Perspektive erfasst ja in einem Buch mehr als nur Optik. Die erfasst alle Sinneswahrnehmungen, Gedanken und Gefühle. Je näher sie an bzw. in der Figur sitzt, desto mehr von diesen inneren Empfindungen beschreibst du; gleichzeitig kannst du dir dann das äußere Fazit meist schenken, wenn die Beschreibung der inneren Vorgänge schon für sich spricht.
Natürlich kannst du auch beliebig weit "wegzoomen", gerade bei eher uninteressanten Handlungen, die nicht sonderlich relevant sind, bietet es sich an. Du kannst schreiben "sie lief zum anderen Ende der Insel" oder jeden Schritt, jeden knackenden Ast, jeden erschöpften Atemzug haarklein beschreiben. Beides hat seinen Sinn, je nachdem, was du damit erreichen willst. Willst du die Figur nur auf der anderen Seite der Insel haben? dann mach es kurz. Geht es eher um den Weg als das Ziel, willst du die Anstrengung zeigen, die emotionale Anspannung etc. dann ist "sie lief zum anderen Ende der Insel" definitiv zu wenig.
Dementsprechend denke ich, wenn es um Gefühle geht, würde ich tendenziell so nah rangehen wie möglich, weil sie nun mal hauptsächlich in ihr drinnen stattfinden, und das eben an der Stelle relevanter ist als das, was man von außen dabei sieht.


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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  escritora am Mo Aug 21, 2017 1:27 am

@Ankh schrieb:
Wenn ich davon ausgehe, dass bei der personalen Perspektive eine Kamera auf der Schulter sitzt, dann bekomme ich sehr wohl mit, ob sich eine Figur beherrschen kann oder nicht. Und wenn ich das dann schildere, sehe ich da keinen Stilbruch oder eine fremde Perspektive.

Natürlich ist das Tell, klar, aber, ob sich jemand beherrschen kann, sehe ich von außen, da muss ich nicht auktorial sein.
Wenn sich jemand beherrscht, siehst du im Zweifelsfalle von außen gar nichts, wenn du nicht weißt, dass er sich eigentlich innerlich gerade aufregt.

Das ist die Schwierigkeit, die ich habe. Ich bekomme so etwas mit, habe dafür extra Antennen, ich spüre auch, ob diese Person sich bemüht, dass es keiner mitbekommt. Das ist nicht immer angenehm, wenn man selbst Dinge spürt, die die entsprechenden Personen mitunter noch nicht mal wissen. Auf der anderen Seite bekomme ich Dinge nicht so mit, wie sie andere mitbekommen. (Asperger) Das ist es auch, was mich beim Schreiben immer wieder zum Stolpern bringt, weil die Leser_innen anderes an viele Dinge herangehen und das natürlich kritisieren. Das ist sehr schwierig und ich hoffe, dass ich trotzdem Romane werde veröffentlichen können. Sachbücher habe ich ja bereits veröffentlich.


@all
gibt es eine Funktion, bei der ich über neue Threads per Mail informiert werde? Ich bekomme hier so vieles nicht mit.
Ja, gibt es; unter dem Thread rechts unten auf "Antworten zu diesem Thema beobachten" klicken.
ja, aber da betrifft immer das das Thema, wo ich eh schon geschrieben habe. Da habe ich es so eingestellt, dass ich immer Benachrichtigt werde. Aber bei neuen Themen werde ich nicht benachrichtigt. Ich finde es nur schade, weil mir so viele Themen durch die Lappen gehen.
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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  Ankh am Mo Aug 21, 2017 5:52 am

Das ist die Schwierigkeit, die ich habe. Ich bekomme so etwas mit, habe dafür extra Antennen, ich spüre auch, ob diese Person sich bemüht, dass es keiner mitbekommt. Das ist nicht immer angenehm, wenn man selbst Dinge spürt, die die entsprechenden Personen mitunter noch nicht mal wissen. Auf der anderen Seite bekomme ich Dinge nicht so mit, wie sie andere mitbekommen. (Asperger) Das ist es auch, was mich beim Schreiben immer wieder zum Stolpern bringt, weil die Leser_innen anderes an viele Dinge herangehen und das natürlich kritisieren.

Das sollte aber nicht das Problem sein, wenn deine Protagonistin auch Aspergerin ist. 

Es geht ja bei der Textstelle nicht darum, was sie bei jemmand anderem wahrnimmt, sondern in sich selbst. Dementsprechend beschreibst du das in der personalen Perspektive, egal ob Ich oder Er/Sie, so, wie sie es von innen fühlt, und nicht, wie es jemand von außen wahrnimmt. Wenn sie das als Aspergerin anders tut als der Durchschnittleser, ist hier eine Gelegenheit, den Leser mit dem Innenleben eines Aspergers vertraut zu machen.

ja, aber da betrifft immer das das Thema, wo ich eh schon geschrieben habe. Da habe ich es so eingestellt, dass ich immer Benachrichtigt werde. Aber bei neuen Themen werde ich nicht benachrichtigt. Ich finde es nur schade, weil mir so viele Themen durch die Lappen gehen.
Ich glaube, ganz neue Threads kann man nicht automatisch abonnieren, oder @Anjana? Du kannst aber auf der Startseite an den Icons links sehen, in welchen Themen neue Postings dazugekommen sind seit deinem letzten Besuch, da schaue ich jedenfalls immer.
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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  Anjana am Mo Aug 21, 2017 6:08 am

Evtl. lassen sie sich abonnieren, wenn man das ganze Unterforum abonniert. Aber ansonsten kann man auf der Portalseite auch immer die letzten Beiträge sehen.
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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

Beitrag  escritora am Mo Aug 21, 2017 8:55 am

[quote="Ankh"]
Das sollte aber nicht das Problem sein, wenn deine Protagonistin auch Aspergerin ist. Na ja, ich wollte eigentlich viele verschiedene Figuren in meinen Romanen haben, auch möchte ich verschiedene Romane schreiben. Und wenn eine Aspergerin ist, dann gibt es ja noch andere. Also ist das so einfach, ja auch nicht.

Es geht ja bei der Textstelle nicht darum, was sie bei jemmand anderem wahrnimmt, sondern in sich selbst.
genau, und das ist anders.
Wenn sie das als Aspergerin anders tut als der Durchschnittleser, ist hier eine Gelegenheit, den Leser mit dem Innenleben eines Aspergers vertraut zu machen.
und genau das sind die Stellen, die von den Testleser_innen als erstes gestrichen werden. :D

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Re: Die Wirkung bewusster Formulierung

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