Von Plots und Masterplots

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Von Plots und Masterplots

Beitrag  Literia am Fr Apr 05, 2013 6:06 am

Wie man mit schon dagewesenen Plots Geschichten zum Leben erweckt
(nach einem Artikel von Ulrike Dietmann - Gründerin der PEGASUS-Schreibschule)

Plots folgen immer gleichen Spielregeln.
Erschreckend.
Ich als Autor glaube ja, dass ich was wirklich Neues, nie Dagewesenes zu erzählen habe.
Allerdings folgen die meisten Romanveröffentlichungen einer klaren dramaturgischen Regel. Strickmuster für Plot zu erkennen ist eine ungeheure Erleichterung, denn man muss das Rad nicht neu erfinden.
Wie aber mache ich nun solch ein Muster ausfindig, um es für mein eigenes Projekt zu nutzen?
Ich sollte mir als erstes einmal zwei Fragen stellen:

1. Zu welchem Genre gehört mein Werk?
In der Buchhandlung findet man ja Einteilungen wie: Krimi/Thriller, Historischer Roman, Fantasy, Jugendroman, Frauen. Dieses Genre legt bestimmte Regeln für den Plot fest. Ich kann meinen historischen Roman nicht 2010 spielen lassen, bei meinem Krimi das Verbrechen vergessen, in meinen Thriller den Bösewicht den Helden besiegen lassen. Ich sollte nicht in meinem Jugendbuch alle sterben lassen oder von der verzwickten Heirat und Lebenskrise einer Mittvierzigerin schreiben, oder in meinem Fantasy-Roman das Fantastische außen vorlassen.

2. Kenne ich mein Genre?
Denn meine Leser kennen es bestimmt.
Die Regeln im Genre sollten eingehalten werden – mit überraschenden Neuerungen in Gestalt von außergewöhnlichen Figuren, Plotwendungen oder Hintergrundgeschichten (nicht jeder Held sollte vorher der arme Bauernjunge gewesen sein; nicht jeder Psychopath muss eine grausige Kindheit gehabt haben).
Ebenso wichtig, vielleicht auch noch wichtiger: andere Autoren haben bereits die Varianten des Genres durchgespielt und man kann erkennen, was funktioniert und was nicht. Dadurch kann man sich viel Mühe ersparen. Denn meist ist es doch so, dass jeder, der in demselben Genre arbeitet zwangsläufig auf ähnliche Ideen kommt.


Von Meisterplots
Neben den Genreplots gibt es auch so genannte Meisterplots.
Und was ist das?
Das sind Handlungsgerüste von Geschichten mit einem bestimmten emotionalen Thema zum Beispiel: Verführung. Diese Emotion ist die Brücke zwischen Leser und Buch. Es wird meist bereits im Klappentext angesprochen und soll hier den Leser schon zum Kauf locken. Denn der Leser kauft Gefühlserfahrungen.

Der Meisterplot in Form der Verführungsplot
(Der Versuch eines Beispiels)


In der Regel haben wir hier eine Hauptfigur mit einer großen Schwäche: Geldnot, Liebesnot, Erfolgsnot oder eine unausgewogene Persönlichkeit. Die Hauptfigur ist einerseits leidenschaftlich, andererseits labil.
(Selbst ein Edward ist unausgewogen und zu Bella und ihre Unausgewogenheit sag ich mal nüx *g*, ebenso gehe ich davon aus, dass man diese Regel auch auf die Protagonisten von Ludvig meine Liebe anwenden kann, oder auf diverse andere Charaktere).

Dann tritt das Objekt der Begierde auf den Plan, z.B. Eddy, der verdammt gutaussehende und eigentlich äußerst charmante Vampir.
Als erster aktiviert unsere „Heldin“ ihr inneres Warnsystem: Tu’s nicht!!! – Und natürlich wird sie schwach. Im Laufe der Geschichte gerät sie immer tiefer in den Sog ihres gefährlichen Handelns: sie flirtet auf Abruf, lügt ihren Vater an, verheimlicht ihre Treffen mit Ed. Falsche Beteuerungen pflastern ihren Weg.
Doch der Held bezahlt den Preis seiner Schwäche. Wenn er ganz am Boden angekommen ist, überwindet er sich selbst. Er befreit sich aus einer unguten Beziehung, von einem miesen Job oder gewinnst die Erkenntnis, dass es sich trotz allem gelohnt hat, wie Humbert Humbert, der „Held“ aus Lolita, der am Ende im Gefängnis sitzt, jedoch seinen Lebensinn erfüllt sieht: Er hat Lolita geliebt.

Von anderen Meisterplots (nach Ronald Tobias und sein Buch „Masterplots“ – Bezugsquelle: The Tempest 10/09)
• Der Opferplot: Jemand opfert sich für einen höheren Wert wie Ehre, Freundschaft oder Liebe. Gutes Beispiel: Der Film „Titanic“; die Trilogie „Der geheime Zirkel“ wo sich am Ende Kartik opfert, um die Magie und Gemmas Leben zu retten.
• Der Rivalitätsplot: Erbitterte Konkurrent(inn)en im Zweikampf. Brutales Beispiel hierfür: „Rosenkrieg“; selbst die Biss-Reihe bedient sich an der Rivalität zweier Konkurrenten – auch wenn es in Teil 1 für Mike völlig aussichtslos ist, wird die Rivalität durch Jacob vor allem im dritten Teil richtig spürbar.
• Der Underdogplot: Der in unverschuldete Not geratene Held kämpft sich nach oben, kämpft für Gerechtigkeit oder Anerkennung. Dieser Plot gewinnt spielend leicht die Sympathie der Leser. Sehr erfolgreiche Beispiele: „Harry Potter“ – vom Waisenjungen, der zum Held auserkoren ist; „Die Wanderhure“ von Iny Lorentz; „Die Pellinor-Saga“ von Alison Croggon und dem Mädchen Maered, das als Sklavin verurteilt war.

Welcher Meister steckt also in meiner Geschichte?
Wie ist der emotionale Kern?
Worum geht es meinem Helden/ meiner Heldin?
Sucht sie Liebe? Na, dann ist es eindeutig ein Liebesplot.
Ist er auf der Flucht vor Verfolgern (dem Gesetz, dem Bösen, der eigenen Familie, seiner Bestimmung, etc.) – also ein Fluchtplot.
Habe ich meinen Plot identifiziert kann ich nach Geschichten mit einem ähnlichen Plot schauen, mir anschauen wie andere Autoren diesen Plot bereits umgesetzt haben.
Das Handlungsgerüst aller Verführungsplots ist also ähnlich, aber die Gestalt in der sie auftreten, kann völlig unterschiedlich sein: „Wallstreet“, „Lolita“ und „Biss“ haben alle einen Verführungsplot (Biss nur unterschwellig), aber wenn er in einem gänzlich anderen Milieu mit völlig anderen Charakteren spielt. Die zentrale Emotion ist immer das Wichtigste!
Wie nun? Meisterplot? Hauptplot?
Eine Geschichte kann mehrere Meisterplots enthalten, wie z.B. der Krimi (Rätselplot) mit einer Liebesgeschichte (Liebesplot); oder die Biss-Reihe – die Liebesgeschichte (Liebesplot) mit dem Verführungsplot, der verbotenen Liebe (Gefahrenplot) und dann sind da auch noch James, die Volturi, die Werwölfe, die neuen Vampire und wieder die Volturi.
Der Hauptplot bestimmt das Genre, die wichtigsten Handlungselemente und den Charakter meiner Hauptfigur.
Mein angefangener Krimi sollte also nicht als Liebesgeschichte enden; natürlich darf er mit einer glücklichen Liebe enden, aber der Mörder (oder das Verbrechen an sich) sollte schon noch aufgeklärt worden sein.
Anders wissen die Buchhändler nämlich nicht, in welches Bücherregal mein Buch einsortiert gehört.

Der Meister der Meisterplots
(oder womit ich mich als Autor alles auskennen sollte)

Mein Arzt kennt sich mit verschiedensten Krankheiten aus – sollte er zumindest.
Genauso sollte ich als Autor (oder Möchtegernmalautorwerden) mit den verschiedenen Plottypen auskennen.
Ich sollte mich mit ihnen identifizieren können und vor allem sollte ich sie anwenden können.

Also, sollte ich jetzt Bücher lesen um den Plot zu analysieren?
Nein. Aber ich sollte wenn ich so oder so lese oder fernsehe auf den Plot achten. So sollte ich jawohl nach einiger Zeit einen Blick dafür gewinnen.
Und zur Übung? Entwerfe ich beim Frühstück nun Mini-Geschichten mit einem bestimmten Meisterplot *g*

Wie vielfältig und doch immer wieder ähnlich Geschichten gestrickt sind. Genauso vielfältig und doch gleich wie wir Menschen es sind. Denn um genau die geht es doch schließlich.



#plotten

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Re: Von Plots und Masterplots

Beitrag  C.C. am Fr Apr 05, 2013 10:29 pm

:2thumbs: Exzellenter Beitrag.

_________________
LG, C.C.


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(Denis Diderot, Ästhetische Schriften)

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