Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

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Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  Gaia Athanasia am Sa Nov 11, 2017 6:25 pm

Seid gegrüßt!

Nachdem ich in einem anderen Thread auf eine Frage bzgl. der Häufung von Adjektiven zur Antwort bekam, dass es schonmal vertretbar sein könne, einen Satz mit vier Adjektiven zu haben, wenn der Rest nicht so überladen sei, beschäftigt mich das Thema "Adjektivitis" wieder sehr. Die SuFu ergab nichts; ich hoffe, ich habe nichts übersehen ...

Vor Jahren habe ich mal irgendwo gelesen, dass es Verlage gäbe, die pro Normseite zwei Adjektive zulassen und keinesfalls mehr. Das ist vermutlich ein Extrembeispiel, und ob es heute immer noch so ist, wisst Ihr besser als ich.
Wenn ich über mein Großprojekt schaue, stelle ich fest, dass ich oft Adjektive benutze. Nun ja - ein Anfängerfehler möglicherweise, oder ein Zeichen schlechten Stils. Dann greife ich spaßeshalber zu einem meiner Lieblingsbücher, schlage es willkürlich auf und zähle die Adjektive pro Seite - an mehreren Stellen - und stelle fest: durchschnittlich neun.
Nun frage ich mich: Liegt es am Genre? Ist Fantasy generell adjektivlastiger als beispielsweise Science Fiction oder Krimi? Gibt es eine Faustregel, die sich auf das Maximum der verwendeten Adjektive pro Normseite bezieht? Gibt es vielleicht sogar Adjektivvermeidungsstrategien?

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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  Ankh am So Nov 12, 2017 1:02 am

Ich glaube nicht, dass Zählen der richtige Ansatz ist, um deinen Adjektivgebrauch zu optimieren. Wir sind weder als Leser noch als Autoren Maschinen, die lediglich die Quantität scannen. Ich bin der Meinung, es kommt vor allem auf die Qualität an. Wenn die Adjektive unnötig oder unpassend sind, sind auch zwei schon zu viel. Wenn sie hingegen den Text bereichern, habe ich auch nichts gegen 20.

Um deine Adjektive zu optimieren (nochmal, nicht notwendigerweise zu reduzieren!), solltest du also jedes einzelne darauf überprüfen, ob es deinen Text tatsächlich bereichert oder nur unnötig aufplustert.

1. Ist es nötig? Die grüne Wiese, das laute Geschrei, der große Elefant - hier haben wir Adjektive, die man verlustfrei weglassen könnte. Wenn ich "Wiese" lese, dann stelle ich mir die automatisch grün vor. Das Adjektiv bringt also keinen Mehrwert. Viel interessanter sind Adjektive, die den anfänglichen Erwartungen widersprechen oder sie erweitern: Die vertrocknete Wiese, die rosa Wiese, die von menschenfressenden Maulwürfen verwüstete Wiese: Das sind Informationen, die ich als Leser wichtig finde.

2. Erzeugt es ein Bild? Die schöne Frau, die teure Uhr, das auffällige Haus - das sind sehr trockene Informationen, die mir versuchen etwas zu verkaufen, ohne es mir zu zeigen. Warum beschreibt der Autor die Frau nicht und lässt mich selbst entscheiden, ob sie meinem Schönheitsideal entspricht? Woran erkennt der Protagonist, dass die Uhr teuer ist? Und wodurch fällt dieses Haus eigentlich auf? "Das schlumpfblaue Haus" erzeugt ein Bild *und* macht dem Leser klar, dass es heraussticht. Versuche also Adjektive zu finden, die gezielt die Wirkung hervorrufen, die du brauchst.

3. Sind sie langweilig? Hier muss ich vorwegnehmen, dass auch abgedroschene Adjektive ihren Sinn haben können. Man will nicht immer knalligbunte Bilder erzeugen, sondern auch gelegentlich auch mal subtil eines unterschieben. Gefühlt jeder dritte Garten ist zum Beispiel "verwildert". Ein verwilderter Garten ist sozusagen ein Standardelement ungepflegter Grundstücke - und das ist gut. Bevor du lang und breit erklärst, dass das Haus verlassen ist oder der Besitzer zu verarmt ist, um sich einen Gärtner zu leisten und selbst zu alt (oder das Grundstück zu groß ist), um es selbst zu pflegen ... Die ganzen kursiven Überlegungen kannst du dir im Text sparen mit "verwildert", denn das sind genau die Gedanken, die dieses Adjektiv triggert. Und wenn du diese Gedanken als Autor beim Leser triggern willst, dann ist es legitim, ein Adjektiv zu verwenden, das nicht besonders originell ist.
Die Alternative wäre, von einem "krebsgeschwürgleich überwucherten" Garten sprechen. Das ist dramatischer und origineller. Wenn du nicht nur im Vorbeigehen einen Hinweis auf die Lebensumstände des Besitzers andeuten, sondern den Fokus auf den Garten legen willst, ist es zweifellos das interessantere Bild. Allerdings musst du mit solch auffälligen Adjektiven vorsichtig sein: Auffallen können Dinge positiv oder negativ. An solchen Adjektiven muss man lange feilen, um die richtige Wirkung zu erzielen. Sie müssen in die Situation, in den Fluss des textes, in die Sprache der Perspektivfigur passen. Und auch die Dosis muss stimmen; wenn du den Mut hast, kannst du deinen Text damit durchsetzen, das ergibt dann einen sehr eindrücklichen Stil. Das ist aber wie scharf gewürztes Essen: Es ist nicht Jedermanns Sache, und wenn es nicht sehr sorgfältig abgestimmt ist, ist es schnell unangenehm.

4. Stimmt das Timing? Es stimmt, dass die Verwendung vieler Adjektive einen Text unangenehm machen können. Das wirkt dann, als habe der Autor überall Rüschenborten drangenäht. Allerdings kann genau das auch die Intention des Autors sein. Wenn der Autor bewusst in der Handlung eine Pause macht, zurücktritt und erst einmal die Szenerie beschreibt, dann darf er sie auch beschreiben, auch wenn sich in solchen Passagen dann die Adjektive häufen. Wenn sie allerdings die darauffolgende Actionszene ausbremsen, weil der Autor jeden Blutfleck eingehend umschreibt, oder einen Dialog verwässert, weil mehr Augenmerk auf den Schaum des Bieres auf dem Tisch gelegt wird als auf die Worte, dann wirken sie schnell störend.

Es geht also weniger darum, die Adjektive gänzlich zu vermeiden, als vielmehr sie gezielt einzusetzen, um genau die Wirkung zu erzielen, die du haben willst.
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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  Gaia Athanasia am So Nov 12, 2017 1:29 am

@Ankh schrieb:Das wirkt dann, als habe der Autor überall Rüschenborten drangenäht.
Laughing Herrlich!

Vielen Dank für Deine ausführliche Antwort und den neuen Ansatz! In Zukunft werde ich nicht mehr so verbissen versuchen, Adjektive zu vermeiden, sondern vielmehr darauf achten, wie "rüschig" sie sind Wink.

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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  Alys am So Nov 12, 2017 3:59 am

Ich glabue auch, dass Zählen nicht der richtige Ansatz ist. Solche Regeln sind willkürlich, so wie "ein Ausrufezeichen pro Buch reicht völlig aus" - oder sie sollen überspitzt auf den Punkt bringen, dass Adjektive und Ausrufezeichen besser spärlich verwendet werden sollten. Und ein Lektor, der die Adjektive zählt, anstelle sie auf ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen, der hat seinen Job auch nicht verstanden.

Ich finde v.a. Ankhs Hinweis auf den Mehrwert sehr wichtig. Will ich eine grüne Wiese vor dem Haus beschreiben, dann reicht es, wenn ich "Wiese" schreibe. Will ich sagen, dass die ganze Gegend heruntergekommen ist, dann ist die "vertrocknete Wiese" durchaus angebracht.

Man kann aber auch durch den inflationären Gebrauch von Adjektiven eine Stimmung erzeugen, das ist dann aber ein absichtliches Stilmittel.
Bsp: "Golden glitzernde Weihnachtsbeleuchtung, rustikal aufgemachte Glühweinstände, fröhlich-bunt beleuchtete Schaufenster, in denen ein paar fette Putten und rotwangige Weihnachtsmänner den Anschein von feierlich-besinnlicher Stimmung aufrechterhalten sollten, und dazu noch die nervtötende Dauerbeschallung mit kitschigen Weihnachtsliedern wie das verhasste 'Last Christmas' - und dabei war es erst Mitte November. Peter hätte kotzen können."

Generell merke ich immer, dass ich viel zu viele Adjektive benutze, und die fliegen dann im Überarbeiten raus - weil ich mich dann bei jedem Wort frage, ob es wichtig ist. Ich hab z.B. neulich einen Text von 24.000 Zeichen auf 16.000 runterkürzen müssen, und nachdem ich die erste Runde Adjektive rausgeschmissen hatte waren es schon nur noch 21.000...

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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  Earu am So Nov 12, 2017 4:42 am

@Alys schrieb:"Golden glitzernde Weihnachtsbeleuchtung, rustikal aufgemachte Glühweinstände, fröhlich-bunt beleuchtete Schaufenster, in denen ein paar fette Putten und rotwangige Weihnachtsmänner den Anschein von feierlich-besinnlicher Stimmung aufrechterhalten sollten, und dazu noch die nervtötende Dauerbeschallung mit kitschigen Weihnachtsliedern wie das verhasste 'Last Christmas' - und dabei war es erst Mitte November. Peter hätte kotzen können."
Laughing Ein köstliches Beispiel. Wenn du anschließend wirklich kaum noch Adjektive benutzt, kann ich mir kaum vorstellen, dass ein Verlag oder Lektor dir diesen spitzenbesetzten Satz verbieten will. Er ist einfach so herrlich deutlich und Peters anschließendes Gefühl kommt dadurch wie eine große Steinkeule. Ich finde das klasse.

Wobei ich wirklich überrascht bin. Du hast ernsthaft schon einmal bei einem 24.000 Zeichen Text um rund 3.000 Zeichen nur durch das Streichen von Adjektiven kürzen können? Wahnsinn! Ich muss da mal beim nächsten Überarbeiten darauf achten, wie viel das bei mir ausmacht. In der Rohversion werfe ich ja auch nur so mit Adjektiven um mich.

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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  Julestrel am So Nov 12, 2017 8:06 pm

Ich kann irgendwie nicht glauben, dass Verlage die Adjektive pro Normseite zählen scratch und auch ohne gerade meinen Text da zu haben, bin ich sicher, dass das bei mir mehr als zwei Stück sind.

Wie viele Adjektive "richtig" sind, liegt meiner Meinung nach an der Geschichte. Es gab ja schon ein paar Beispiele, wo viele Adjektive durchaus passen und sogar als Stilmittel eingesetzt werden können. Außerdem gibt es Genre, wo die schon standardmäßig einfach häufiger sind.

Ich selber bin eher der Typ für wenige, gezielte Adjektive. Das passt aber auch zu meinem Schreibstil. Von demher könnte ich nie so viel kürzen wie Alys, allerdings ertappe ich mich doch hin und wieder mal, dass ich so tolle unnötige Konstruktionen wie "grünes Gras" verwende Evil or Very Mad

An deiner Stelle, @Gaia, würde ich einfach so schreiben, wie es sich für dich richtig anfühlt. Später kannst du dann die Geschichte immer noch Testlesern geben, die dir sagen, ob es funktioniert oder nicht. Manchmal braucht es einfach mehr Adjektive.
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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  Anjana am So Nov 12, 2017 8:08 pm

Ich kann mich den Ausführungen von Ankh und Alys im Grunde nur anschließen was die Theorie zu den Adjektiven angeht.
Hinzufügen könnte man vielleicht auch noch das Thema Verben. Nicht nur bei den Adjektiven ist es hilfreich zu schauen, ob man das otimale Wort gewählt hat. Sehr häufig nutzen wir auch Verben, die geläufig sind und hängen Adverbien oder ein Prädikativ dran, statt ein spezifisches Verb zu nutzen. Also statt "er ging langsam": er schlich, er trödelte, er bummelte, er schlenderte ... Hier ist der eigentlich Mehrwert tatsächlich im richtigen Verb zu finden, denn die verschiedenen Varianten sagen alle noch mehr aus, als die erste Version.

Und noch eine zweite Sache, die durchaus eine Rolle spielen kann, ist die Satzmelodie, die durch Adjektive (oder Füllwörter) beeinflusst wird.

In der Schreibpraxis bin ich allerdings eher ein intuitiver Typ. Ich streiche aus meinen Rohfassungen im ersten Durchgang inzwischen sehr rigoros die Fülllwörter und Adjektive raus, weil ich weiß, dass ich sie im nächsten Durchgang dort wieder einfüge, wo sie tatsächlich fehlen.

Mit konkreten Überlegungen zu den Formulierungen gehe ich inzwischen aber erst an den Text, wenn mir Betalesern rückmelden, dass dort entweder irgendwas nicht stimmig ist oder mir mehrere Leser die Adjektive anstreichen.
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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  Gaia Athanasia am So Nov 12, 2017 10:45 pm

Vielen Dank für Eure Antworten, anhand derer ich sehe, dass ich mir zu viele Gedanken und Kleinigkeiten mache, die mich letzlich nur ablenken. Schön zu wissen, dass es - wenn sinnvoll - auch ein paar mehr Adjektive sein dürfen.

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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  magico am So Nov 12, 2017 10:56 pm

Ja, das sind alles sehr hilfreiche Informationen. Sie sind für mich zwar nicht neu, erinnern mich (als bekennenden Adjektiv-Liebhaber) aber dennoch daran, dass man mit Bedacht vorgehen muss.

Persönlich mag ich ja blumige, vor Adjektiven überquellende Texte. Aber da bin ich wohl ein seltenes Exemplar. drunken

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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  Tachadenn am Do Nov 16, 2017 11:15 pm

Das kleine Mädchen stapfte noch etwas wackelig auf seinen kurzen, speckigen Beinen durch das Gras. Brigida warf dem Kind einen bunten Ball zu, doch Micas Hände waren zum Fangen noch zu ungeschickt, und so lief die Kleine fröhlich kreischend der schillernden Kugel hinterher und versuchte sie mit ihren dicken Fingerchen zu greifen.

So fängt der Roman Die Drachenkrone von Ulrike Schweikert an.

Hier schwelgt sie in Adjektiven und das ist meines Erachtens einfach viel zu viel zusammen mit dem Adverb.

Je nach Art des Romans können mehr oder weniger Adjektive verwendet werden, aber man muss aufpassen, dass der Text nicht zu fett und dick aufgetragen wirkt - ein wenig ist das wie das Schminken Wink

Zudem gib es zwei Arten von Anjektive: Die beschreibenden und die bewertenden.

Die beschreibenden: Die schwarzgelbe Tigerente stolzierte ins Kinderzimmer. Das lässt ein Bild im Kopf entstehen.

Nun die gefährlicheren, die bewertenden Adjektive: Die Tigerente wählte die schönste Murmel aus der Schachtel.

Hier fängt die Bewertung durch den Autor und damit die Bevormundung des Lesers. Was findet die Tigerente schön? Mag sie kleine Murmeln, blaue wie das Wasser oder liebt sie die orangenen, die sie an den Sonnenuntergang erinnern? Und damit sind wir beim tell (show dont tell).

Dazu ein Zitat vom Charta Scriptoria Autorenforum, das leider nicht mehr online ist Crying or Very sad

ADJEKTIVE.

Du kannst nicht mit ihnen leben, aber auch nicht ohne sie. Es gibt sie in zwei Sorten, die einen sind beschreibend, die anderen sind wertend.

Wenn ich schreibe: "Der Stuhl ist rot", dann ist er rot und nichts anderes als rot, so wahr mir RAL helfe. "Rot" ist beschreibend.

Wenn ich schreibe: "Henrietta ist die schönste Henne überhaupt", wie sieht dann Henrietta aus? Na? NA? Gute Frage. "Schön" ist wertend, lässt beim Leser kein Bild entstehen.

Wie vermeidet man diese Falle?

Kochrezept A: Wertende Adjektive aufspüren und erbarmungslos ausmerzen.

Im Beispiel von Henrietta müsste man also schreiben, wie sie denn nun aussah. Das darf und soll durchaus emotional eingefärbt geschehen, von Objektivität war nie die Rede! Etwa so: "Das Weiß von Henriettas Federn strahlte heller als frisch gefallener Schnee." Oder wie auch immer. Da ist kein einziges wertendes Adjektiv mehr drin, und trotzdem riecht der Leser den Braten: Henrietta ist wohl nicht die Hässlichste.

Bei den beschreibenden Adjektiven gibt es wieder zwei Sorten: Spezifisch und unspezifisch.

Wie ist das mit dem roten Stuhl? OK, er ist rot. Der Leser wird nicht bevormundet, aber er ist auch nicht gerade hingerissen. "Rot" ist zwar beschreibend, aber unspezifisch. Ist der Stuhl blutrot? Karmesinrot? Ziegelrot? Rot wie ein Sonnenuntergang? Rot wie ein Ferrari? Rot wie ein Backfisch kurz vor dem ersten Sex? All diese Beschreibungen haben eine andere Konnotation und ordnen die Röte des Stuhls in einen emotionalen Kontext ein.

Wie vermeidet man diese Falle?

Kochrezept B: Unspezifische Adjektive aufspüren und durch spezifische Beschreibung ersetzen.

Und gleich hinterher:

Kochrezept C: Adjektive durch Handlung, Similes etc. ausdrücken, wenn ohne Verrenkungen möglich.

Wenn der Stuhl was tut, nämlich "leuchten wie ein Pavianhintern", dann ist das Adjektiv ganz und gar vermieden und kann keinen Schaden mehr anrichten. Es gibt natürlich auch unspezifische Verben und unspezifische Substantive. Also gilt allgemein:


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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  Ankh am Fr Nov 17, 2017 12:26 am

Das sind prinzipiell gute Tipps. Ich habe nur so meine Probleme mit
"Das Weiß von Henriettas Federn strahlte heller als frisch gefallener Schnee."
Dieses Show, don't tell um jeden Preis läuft nämlich oft darauf hinaus, dass der Text unnötig aufgeblasen wird, und genau das will man ja mit der Reduzierung der Adjektive eigentlich vermeiden. Wenn ich statt eines einfachen Adjektives einen ganzen Absatz schreibe, dann ist das Bild zwar ganz toll deutlich, aber die eigentliche Handlung wird für einen ganzen Absatz in den Hintergrund geschoben, und das nervt mich persönlich mehr als ein unpräzises Adjektiv. Letzteres kann ich nämlich leichter überlesen. 

Wenn ein wichtiger Charakter, Handlungsort oder Gegenstand eingeführt wird, kann man gerne mal einen Schritt zurücktreten und ihn eingehend betrachten. Aber wenn der Autor meint, er muss jeden Fitzel Umgebung, jede Geste und jedes Detail so beschreiben, dann erhält man schnell ganz grässlich blumige Prosa. 

Manchmal kann man es durchaus dem Leser überlassen, wie in seiner Phantasie "die schönste Murmel" aussieht. Was ich als Autor schön finde, findet der Leser vielleicht hässlich. Und dann muss ich entscheiden; geht es darum, welche Farbe die Murmel hat oder darum, dass die Tigerente sich die in ihren Augen schönste auswählt? Vielleicht habe ich Platz zu beschreiben, was sie warum schön findet. Aber wenn nicht, würde ich eher "schön" als "orange" wählen.
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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  Tachadenn am Fr Nov 17, 2017 12:53 am

Hi Ankh,

mit aller Medizin ist es so, im Überfluss genossen schadet sie. So auch hier. Dennoch versuche ich die Anzahl der Adjektive klein zu halten, damit der Text nicht schwülstig wirkt - dazu gehört natürlich auch das Umsetzen in ein Verb: ich streiche beim Überarbeiten eine Menge der Adjektive und Adverbien raus - ersatzlos raus.

Zu den bewertenden Adjektiven: Ich versuche sie auf Dialoge zu beschränken und bin gut damit gefahren. In der Kurzgeschichte, die ich jetzt in eine gedruckte Antologie gebracht habe, setze ich kaum welche ein Wink

Und wenn ich schreibe: Die Tigerende suchte sich die schönste Murmel heraus oder Die Tigerente suchte sich die dickste, rote Murmel heraus, weil sie gerne reife Kirschen aß, dann macht das wohl einen Unterschied: Im zweiten Fall zeige ich noch etwas über die Tiegerente sunny

Für einen Autor ist der Weg in die Hölle mit Adjektiven gepflastert - frei nach Stephen King.

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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  Earu am Fr Nov 17, 2017 2:34 am

Ich habe diese Woche erst Die Drachenkrone fertiggelesen. Jetzt, wo du den Anfang zitierst, bin ich darauf gefasst gewesen, was du damit zeigen willst. Die Wahrheit ist jedoch, dass ich trotz Kenntnis der ganzen Regeln beim Lesen des Buchs überhaupt keine Probleme mit diesem Stil hatte. (Nicht, dass du das hättest ausdrücken wollen. Wink ) Es funktioniert also auch so.

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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  magico am Fr Nov 17, 2017 4:12 am

Meine Rede! @Earu

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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

Beitrag  Earu am Fr Nov 17, 2017 5:43 am

Ich kann nur vermuten, dass man als Leser Adjektivitis durchaus verzeiht, wenn die Adjektive Sinn ergeben. Ich habe kein Problem damit, wenn der Autor mir das gesamte Buch über alles mit Adjektiven zeigt, also das genaue Gegenteil von show-don't-tell macht, solange er es gut macht. Wenn der Autor es schlecht macht, können mich dagegen auch schon wenige Adjektive extrem stören. (*Theorie aufstell*) Vielleicht muss jeder Autor für sich herausfinden, was er gut kann und was nicht. In dem Fall könnte es gute Adjektiv-Autoren und gute Verb-Autoren geben, die jeweils das Andere nicht richtig auf die Reihe kriegen. Solange es funktioniert, wird der Leser wohl gar nicht merken, was los ist. (*Theorie beende*)

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Re: Wie viel "Adjektiv" verträgt ein Text?

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