Raffungen

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Raffungen

Beitrag  Herzeloyde am Mi Feb 10, 2016 11:16 pm

Ich poste hier die zweite Frage von ESchen, damit die Diskussion nicht durcheinanderkommt.

ESchen schrieb:
Dann gibt es auch noch Raffungen. Wozu benötige ich diese? Meistens, wenn wenn ich etwas, das zuvor geschehen ist, nochmals wiederspiegle, wenn eine Figur das Erlebte der anderen Figur erzählt, wenn ich lange "show" Rückblicke vermeiden will und nur kurz nacherzähle, etc. Wie mache ich das konkret?

- Anstatt ein Show Rückblick, erzählt es die Figur in direkter Rede nach oder wiederspiegelt in Gedanken. Dann haben wir aber das Problem, dass wir ins PQP oder Perfekt wechseln müssen (das wir dann, mit ein paar Tricks wieder ins Präteritum ändern, aber das ist jetzt nicht das Thema). Solche Passagen empfinde ich oftmals träge und wenig spannend, weil sie zusammenfassend erzählt sind und ich nicht wirklich bei der Action dabei bin. Emotion geht verloren.

- Ein Überleitungssatz.
Bsp. Figur A erzählt Figur B, was sie am Vortag Schreckliches erlebt hat. Sie holte tief Luft und begann zu erzählen. Als sie geendet hatte, sah er sie nur mit grossen Augen an.

Der Unterschied ist hier, dass ich oben beim Nacherzählen den Rückblick nicht kennen muss, unten beim Überleitungssatz, muss ich aber als Leser wissen, was geschehen ist. Daher eignet sich der Satz nur, wenn ich eine Wiederholung vermeiden will, nicht aber, wenn ich einen ganzen Rückblick vermeiden will, weil das, was geschehen ist, ja nicht rüber kommt.

Wie macht ihr das mit solchen Raffungen? Gibt es noch weitere Möglichkeiten? Mein Problem sind meistens grosse Show Rückblicke, die ich loswerden will, aber ich bin im Moment völlig Ideenlos, wie ich das am besten machen soll.

Ich bin gespannt auf eure Antworten.


__________________________________________________________
@narrativ


Zuletzt von Herzeloyde am Mi Apr 27, 2016 1:07 am bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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Re: Raffungen

Beitrag  Herzeloyde am Mi Feb 10, 2016 11:17 pm

Dann gibt es auch noch Raffungen. Wozu benötige ich diese?
Raffungen sind im Prinzip nichts anderes als narrative d.h. erzählerische Passagen (tell). Man benötigt sie deshalb, weil keiner einen ganzen Roman in szenischen Passagen (show) lesen will, das würde auf die Dauer zu anstrengend.


Meistens, wenn wenn ich etwas, das zuvor geschehen ist, nochmals wiederspiegle, wenn eine Figur das Erlebte der anderen Figur erzählt, wenn ich lange "show" Rückblicke vermeiden will und nur kurz nacherzähle, etc. Wie mache ich das konkret?
Narrative Passagen eignen sich bestens, um uninteressante Erzählabschnitte eben zu raffen, d.h. verkürzt darzustellen. Ich benutze das wenig, aber das liegt hautpsächlich daran, dass sich die Handlung bei mir auf wenige Tage beschränkt. Wenn du aber Gaps von Tagen oder gar Jahren füllen musst, ist ein kleiner Rückblick sicher sinnvoll. Als Leserin seh ich solche narrativen Passagen oft in Reflexionen der Perspektivträger.


Dann haben wir aber das Problem, dass wir ins PQP oder Perfekt wechseln müssen
Nicht unbedingt. Gerade bei Reflexionen erübrigt sich das.

z.B. In Gedanken liess er die letzten Jahre Revue passieren. Satte Jahre voll Wohlstand und Frieden. Die Hochzeit seiner Tochter, die Enkelkinder. Es hätte so weitergehen können. Er stützte den Kopf schwer auf beide Hände ... usw.

Wie macht ihr das mit solchen Raffungen?
Also: Wenn ich dich recht verstehe möchtest du Information (aus der Vergangenheit des Perspektivträgers) vermitteln, aber es soll keine narrative Passage sein, weil du die nicht magst. Du möchtest also die Emotionen erhalten, aber nicht in die epische Breite gehen. Hab ich dich soweit richtig verstanden?

Dann würde ich genau die Technik verwenden, die wir ja neulich schon mit dem Bewusstseinsstrom geübt haben. Da kannst du die Emotionen voll ausspielen und trotzdem mit Satzfetzen usw. die Spannung hochhalten.

Edit: Wenn du magst, kannst du auch ein Beispiel einstellen, von so einer szenischen Passage, die rausgekürzt werden muss (mit der Stelle, wo die Info rein soll), dann können wir dir vielleicht besser helfen.
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Re: Raffungen

Beitrag  Bautsen am Mi Feb 10, 2016 11:35 pm

Zu den Raffungen:

Da hätte ich auch wieder ein Beispiel parat, womit ich selbst sehr zufrieden bin.

Von Kapitel 10 zu 11 sind bei mir einige Tage vergangen. Vorher war es immer nur 1 Tag oder ein paar Stunden. Daher habe ich das Kapitel ganz normal begonnen, dem Leser nähergebracht, wer dabei ist, wo sie sich gerade aufhalten etc.

Aber ich bin keiner, der lange Rückblicke mag. So hab ich mich auf 4-5 Sätze beschränkt, die ich mittendrin mit reingebracht habe, um eine Zusammenfassung der letzten Tage zu erzählen.

- Anstatt ein Show Rückblick, erzählt es die Figur in direkter Rede nach oder wiederspiegelt in Gedanken. Dann haben wir aber das Problem, dass wir ins PQP oder Perfekt wechseln müssen (das wir dann, mit ein paar Tricks wieder ins Präteritum ändern, aber das ist jetzt nicht das Thema). Solche Passagen empfinde ich oftmals träge und wenig spannend, weil sie zusammenfassend erzählt sind und ich nicht wirklich bei der Action dabei bin. Emotion geht verloren.

Ja, das ist ein Nachteil. Die Frage ist halt dann, wie oft kommt das vor? Bei mir kommt es nur 1x vor, daher find ich das in Ordnung. Bei 4-5x wäre das schon etwas anderes.

- Ein Überleitungssatz.
Bsp. Figur A erzählt Figur B, was sie am Vortag Schreckliches erlebt hat. Sie holte tief Luft und begann zu erzählen. Als sie geendet hatte, sah er sie nur mit grossen Augen an.

Sowas würde ich z.b. am Ende eines Kapitels reinbringen, wobei dann natürlich der letzte Satz wegfällt. Je nachdem, ob der Leser den Rückblick kennt, oder nicht, könnte man dann ein neues Kapitel mit dem Rückblick beginnen, oder den Rückblick eben weglassen und das neue Kapitel mit der Reaktion desjenigen beginnen.

Wie macht ihr das mit solchen Raffungen? Gibt es noch weitere Möglichkeiten? Mein Problem sind meistens grosse Show Rückblicke, die ich loswerden will, aber ich bin im Moment völlig Ideenlos, wie ich das am besten machen soll.

Vll. muss man sich hier allgemein die Frage stellen: Sind die Rückblicke zwingend notwendig? Geht es auch ohne?

Is alles ein wenig allgemein, was ich hier zu formulieren versuche, da ich nicht ganz genau weiß, wie dein Roman aussieht, vor allem mit den Rückblicken.
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Re: Raffungen

Beitrag  Tachadenn am Do Feb 11, 2016 12:51 am

Hi,
@Bautsen schrieb:Sowas würde ich z.b. am Ende eines Kapitels reinbringen, wobei dann natürlich der letzte Satz wegfällt.
Eine narrative Zusammenfassung oder Überleitung am Ende eines Kapitels würgt dieses ab. Dort sollte etwas wie ein kleiner Kliffhänger stehen.

Als Beispiel hätte ich Herzelodes Andeutung in dem Beitrag Überleitungen: Dort hätte ich den abrupten Übergang entschärft mit: P. griff nach R.s Hand und stieß ihn in die Schwärze. So kann man den Leser zappeln lassen Twisted Evil 

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Re: Raffungen

Beitrag  Bautsen am Do Feb 11, 2016 3:27 am

Eine narrative Zusammenfassung oder Überleitung am Ende eines Kapitels würgt dieses ab. Dort sollte etwas wie ein kleiner Kliffhänger stehen.

Damit meinte ich nicht die Zusammenfassung an sich, sondern die Einleitung dazu, um dann im nächsten Kapitel einen Rückblick zu beginnen oder die Reaktion (wie in dem Beispiel) des Gegenübers zu beleuchten.
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Re: Raffungen

Beitrag  Anjana am Fr Feb 26, 2016 10:18 pm

Also wenn es tatsächlich nur eine narrative Passage ist, um Zeit verstreichen zu lassen, dann ist es wichtig, die Eckpunkte zu nennen, die eine ganze Kulisse entstehen lassen. So wie in Noemis Beispiel eben die Hochzeit und die Enkelkinder. Man hat sofort Blitzlichter von all den Situationen. Die Hochzeit, Schwangerschaft, die Kinder mit verschiedenem Alter. Eigene Erinnerungen werden sofort mit wachgerufen.

Bei einem "Tagesmärschen", sehe ich verschiedene Umgebungen mit Schweigen und mit Unterhaltung, die Pausen mit Getränken/Essen, ggf. das Versorgen der Tiere, den Auf- und Abbau des Lagers ... Die Bildfetzen können sehr unterschiedlich sein, aber ich denke, bei jedem Leser sind welche da. Die Kunst ist es, die Hinweise zu schreiben, die den größtmöglichen Output an Bildfetzen, bzw. eben szenischen Sequenzen haben.

Wenn möglich, dann kann man das natürlich gut in einen Bewusstseinstrom einbauen, oder auch einfach in die Handlung, so wie wir auch manchmal bei automatisiertem Verhalten (Tisch decken, kochen, Autofahren, Reparaturen, ...) über anderes nachdenken, bzw. uns erinnern. Dabei kann es helfen, das auch formal abzugrenzen. Hier habe ich innere Bilder, die bei der Figur aufsteigen.
Peter lauschte den Schritten seines Freundes, bis das Zufallen der Tür ihm sagte, dass er wieder allein war. Reglos starrte er den beigefarbenen Stoff des Sofas an und wartete darauf, dass die Bilder zurückkehrten. Eine rubinfarbene Lache bedeckt den Boden, gespeist aus dem klaffenden Schnitt im Bauch des Mannes. Ein verschmierter roter Handabdruck leuchtet auf dem weißen Lack des Mercedes. Blutspritzer, die die Szene wie ein Kunstwerk scheinen lassen. Seine Hand mit der Astsäge, deren rostige Klinge von Blut überzogen ist. Und die blutigen Fußspuren, die seine schwarzen Slipper auf dem grauen Betonboden hinterlassen.
Leere erfüllte Peter, während er sich den Bildern hingab. Er hatte einfach keine Kraft mehr sich länger gegen die Erkenntnis zu wehren. Er starrte auf die Sofalehne und verlor jedes Bewusstsein für Raum und Zeit. Die einzelnen Szenen verschwammen zu einem Film, den er mit zunehmend weniger Regung verfolgte.
Der Leichnam eines Mannes mit durchschnittener Kehle formt sich zu einer jungen Frau, die erdrosselt auf einem Bett ruht. Der klaffende Schnitt am Hals wird zu violetten Würgemalen. Ihr Haar, kunstvoll auf dem weißen Laken drapiert, zerfließt zu einer dunkelroten Blutlache, die seine Slipper umspielt.
Wichtig ist der zweite kursive Abschnitt, der (zumindest soll es so sein^^) größere Bilder antriggert, weil durch den ersten kursiven Teil klar ist, dass es größere Szenen sind, die ich dort unten sehr stark zusammengezogen habe. Und es ist auch gleich klar, es sind schon mehr Morde passiert als der eine von dem der Leser gelesen hat. (Die Szene steht auf S. 3 des Projektes) Hier wäre übrigens eine spannende Frage: Sieht der Leser 2 oder 3 Morde? Letztlich ist das an dieser Stelle nicht wichtig, denn die Grundinformationen kommen auf jeden Fall rüber: Wir steigen in eine Mordserie ein und offenbar sind wir im Kopf des Killers, der aber nicht glücklich über die Morde zu sein scheint. Wäre Peter ein aktiverer Typ, könnte er zwischendurch ins Bad gehen, bevor das nächste Bild in seinem Kopf entsteht. Durch das kursive wäre dann auch sofort klar, dass es eben ein Bild ist, das für den Leser ebenso aufblitzt wie für die Figur.

Trifft das, zumindest in Teilen, deine Frage?

Ich glaube, das ist schwer zu beantworten, weil es inhaltlich so unterschiedlich sein kann und es kein Patentrezept gibt. Wink


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