Warum schreibt Ihr Geschichten?

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Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  DrJones am So Nov 15, 2015 3:47 am

Warum schreibt Ihr Geschichten?


Es gibt ja so etwas wie einen inneren Motor für das Schreiben.
Was ist Euer innerer Motor? Was treibt Euch also an?

Was sind Eure persönlichen Anliegen, Themen usw., die Ihr durch
Eure Geschichten zum Ausdruck bringen möchtet?
Was wollt Ihr vermitteln?
Wie macht Ihr das?

An der Stelle gebe ich Euch noch ein paar Beispiele und Statements,
die nicht unbedingt mein Ansatz sind, aber auch:

"Schreiben kann Werte wie Vernunft, Wert des Lebens, Pazifismus, Freiheit,
Gerechtigkeit und Individualismus zum Ausdruck bringen.
Schreiben überwindet geologische, soziale und religiöse Grenzen.
Schreiben verbindet uns wieder mit der Natur und etwas, das größer
ist als man selbst." (J. Campbell bzw. C. Booker)

"Geschichten zeigen, wer wir sind." (C. Booker)

Bezogen auf die Heldenreise als Synonym für eine Geschichte:


Am Anfang ist der Held oft noch ungestüm.
Der Held wird vor große Prüfungen und Aufgaben gestellt, bei denen
er seine eigenen inneren und äußeren Grenzen überwinden muss,
um diese zu bestehen. Er kann auch scheitern.
Im Laufe der Zeit erlernt er Selbstkontrolle und Selbstdisziplin.
Auch einen festen Willen muss er entwickeln.
Dies sind die Voraussetzungen, um zur Liebe und Wahrheit zu finden.
Auch wir streben im realen Leben zu Liebe und Wahrheit.
Der Held findet vor allem seine eigene Bestimmung und Glückseligkeit ("bliss").
Er verschreibt sich einem höheren Ziel, das einen großen Nutzen für
die Allgemeinheit bietet ("das Elixier").

Der Held ist ein Vorbild für die Meisterung von Veränderungen im Leben.
Die Heldenreise ist auch ein Beispiel für die Überwindung des eigenen Egos.

Durch literarische Werke werden die großen Themen angesprochen.
Das Folgende stammt von George Lucas:

"In einer Geschichte, die uns emotional berührt, sollte es gehen um
Abenteuer, Erwachsenwerden, Lernen und das gemeinsame
Erlebnis mit Freunden, den Kampf um die Wahrheit, ums
Erwachsenwerden und um die Suche nach dem Sinn des Lebens."

Das Folgende habe ich von L. Kasdan, einem der Drehbuch-Autoren u. a. für Disney:

"Filme (und auch Bücher) behandeln Themen wie:

Frieden
Freundschaft
Freiheit
Menschenrechte
Liebe
Toleranz
Respekt"

Bei mir persönlich sind es gesellschaftliche Themen, z. B. ausgeblendete Randthemen und
Randgruppen, die ich in meinen Geschichten gerne verarbeite.

Was auch toll wäre, wenn Ihr Statements von berühmten Persönlichkeiten zum Schreiben,
wie ich das oben gemacht habe, bringen könntet.

Ich bin sehr gespannt auf Eure Beiträge!
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Earu am So Nov 15, 2015 4:15 am

Mit Statements berühmter Autoren oder Filmemachern kann ich nicht aufwarten, aber mit meinen eigenen, einfachen Worten.

Ich schreibe, weil ich ein unheimlich kreativer Geist bin. Ich musste zwar erst entdecken, worin meine Stärken liegen (malen, singen, handarbeiten, schreiben, basteln...) und diese trainieren, aber das hat sich gelohnt. Ich zähle mich nicht zu den Schriftstellern, die mühsam eine Idee für ihren Roman suchen und diese ausbauen müssen. Ich sehe zwischendurch etwas, das mich inspiriert, und schreibe mir diese Idee auf. So habe ich über zehn Ideen zu einer Geschichte auf Vorrat, die ich irgendwann umsetzen will. Diese Ideen sind noch keine vollständigen Geschichten, aber sie lassen sich dazu machen. Gerade in der Zeit, als ich unsicher war, ob ich schreiben soll, weil mein Erstlingswerk nicht die Resonanz bekam, die ich mir erhofft hatte, quälte mich meine Kreativität, indem sie mir diese vielen Ideen schickte. Von ihnen kann ich zehren, selbst wenn sich in den nächsten Jahren keine Ideen mehr einfinden sollten. Aber ich brauche das Schreiben, um meine Kreativität davon abzuhalten, mich weiter zu quälen. Sie zwingt mich auch etwas zum Schreiben.

Dann schreibe ich auch, weil ich die Menschen mit meinen Geschichten unterhalten will. Ich will ihnen selten eine Lehre damit erteilen. Sie sollen die Stunden mit meinen Geschichten genießen können. Aber ich habe auch Projekte in der Hinterhand, die aktuelle Probleme behandeln. Ich habe mich nur noch nicht an sie gewagt, denn diese Projekte tragen eine große Botschaft, von der ich mir noch nicht zutraue, sie ordentlich zu verpacken, damit der Leser sie langsam auspacken und verstehen kann.

Schreiben macht mir auch Spaß. Wie beim Lesen erlebe ich Geschichten, meine eigenen. Das ist ein besonderes Gefühl. Zudem ist es eine Art Therapie für mich. Auch wenn ich das Thema Depression und die damit gemachten Erfahrungen bisher nie in meinen Geschichten verbaut habe, tut mir diese Form der Ablenkung, Beschäftigung und Möglichkeit, etwas zu erschaffen, gut. Dazu habe ich sogar zwei Beispiele. Weihnachten 2014 war ich furchtbar traurig. Ich spürte die Depression stark auf meinen Schultern sitzen und mich umklammern. Ich habe noch vormittags geweint und wusste nicht, wie ich den heiligen Abend fröhlich schmausend und Geschenke auspackend bei meiner Schwiegermama verbringen sollte. Es erschien mir unmöglich und ich machte mir Gedanken, wie ich das Fest überstehen sollte, ohne die anderen in meine Traurigkeit zu ziehen. Es war kein besonders schönes Weihnachten für mich, aber ich habe es überstanden. Die folgenden Tage waren nicht besonders gut. Dann beschloss ich Anfang des Jahres, knapp zwei Wochen nach diesem traurigen Tag, einen Roman zu beginnen. Ich plante meinen roten Faden, erstellte grobe Charaktere, und legte los. Von dem Tag an ging es mir irgendwie richtig gut (auch wenn ich immer noch meine Depression spürte) und ich dachte immer nur, dass ich zufrieden wäre, wenn meine Depression auf diesem Level bleiben würde. Mein zweites positives Erlebnis mit dem Schreiben erfahre ich aktuell. Ich habe seit ein paar Wochen ab und zu oder auch seit Mitte dieser Woche durchgehend schlechte Tage. An diesen Tagen fällt es mir schwer, mich zu motivieren und positiv gestimmt zu bleiben. Der Kampf mit der Depression ist dann schwieriger. Und dann setze ich mich hin und schreibe an meiner Geschichte. Es ist für mich unfassbar, dass ich selbst dann im gewohnten Tempo schreiben kann. Am Freitag habe ich sogar mein Pensum für drei gesamte Tage geschafft, weil ich wusste, dass ich am Wochenende ja doch wieder nicht schreibe oder wenn, dann nur wenig. Ich spüre keine Besserung meiner Stimmung, aber ich bin doch stolz auf das, was ich trotz diesem Monster in mir geschafft habe. Vielleicht hält dieses Erfolgserlebnis meine Stimmung, um die es ohne diesen Erfolg vielleicht schlimmer stünde. Genau kann ich es nicht sagen.

Und dann habe ich die Hoffnung, damit Geld zu verdienen. Es ist ein Jugendtraum von mir, Schriftstellerin zu sein. Ich möchte es als meinen Beruf ansehen können. Ich wünsche mir die damit verbundene Anerkennung, wenn ich erfolgreich bin. Vermutlich suche ich darin auch die Bestätigung, dass ich etwas gut machen kann. Es ist auch ein guter Zeitvertreib, wenn ich meinen Haushalt erledigt oder keinen Bock mehr darauf habe und darauf warte, dass mein Mann nach Hause kommt. Ich fühle mich dann nicht so nutzlos, weil ich irgendwie doch etwas arbeite. Auch wenn es Spaß macht, es ist eine Form von Arbeit, und niemand sollte sich das Recht herausnehmen und über uns urteilen, dass wir etwas aus Spaß machen. Eine Arbeit, die Spaß macht, ist die richtige Arbeit. Alles andere ist Geld verdienen.

Ich arbeite auf das Gefühl hin, mein fertiges Buch in Händen halten zu können und in den Geschäften und Onlineshops zum Verkauf liegen zu sehen. Ob es sich gut anfühlt? Das hoffe ich doch! Laughing

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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  ESchen am Mo Nov 16, 2015 3:47 am

Hey DrJones

Das finde ich ein interessantes Thema und wurde auch in meinem Kurs letzthin unter den 6 Ws aufgeführt: Was, Wer, Wo, Wann, Wie und vor allem Warum erzähle ich eine Geschichte.

Das Warum steht ganz am Anfang. Es hat mit Dringlichkeit zu tun. MUSS ich die Geschichte erzählen oder möchte ich nur. Das Muss ist entscheidend, denn es beinhaltet den Drang, die Geschichte zu erzählen und diesem Drang kann nichts enggegen gesetzt werden. Ich muss sie erzählen, ich kann nicht anders und deswegen bin ich Feuer und Flamme. Die Geschichte fasziniert mich, sie bewegt mich und lässt mich nicht mehr los. Ich identifiziere mich mit der Geschichte, sie geht mir nahe.

Geschichten merkt man es an, wenn sie geschrieben werden MUSSTEN oder wenn sie nur geschrieben werden sollten. Dieses 'sollten' ist eher ein Zwang, der sich mir auferlegt, mich mit einem Thema zu beschäftigen, das ich nicht will, es aber tun muss, weil ich es sollte ( scratch ). Wie Steuererklärung, oder das Abschliessen einer Altersvorsorgeversicherung.

Wenn eine Geschichte mal nicht läuft, sollte man sich fragen, ob es wirklich Zeit ist für diese Geschichte, ob diese Dringlichkeit wirklich vorhanden ist. Besinne dich darauf, was dir an der Geschichte das Wichtigste ist.

Das ist jetzt zwar nicht ein Zitat, aber Hansjörg Schertenleib hat das als eine der wichtigsten Punkte mit dem Schreiben anzufangen übermittelt.

Und ich muss ihm recht geben. Bei mir flutschen nur diejenigen Geschichten, die mich wirklich und wahrhaftig fesseln und deren Thematik mich fasziniert. Und das verursacht bei mir dann diesen Drang, die Geschichte nieder zu schreiben. Deswegen schreibe ich.

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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Ankh am Mo Nov 16, 2015 4:02 am

Geschichten zu schreiben ist wie träumen: Man öffnet ein Fenster und begibt sich in eine andere Welt, die zunächst nur man selbst betreten kann. Und dort findet man schönes, schreckliches, neues, altes. Man findet Dinge, Ideen, Gestalten, die einen berühren, beschäftigen, zu denen man zurückkehren und mehr von ihnen erfahren möchte. Man erkundet diese Welt immer weiter, lernt immer mehr ihrer Einwohner kennen, begleitet sie ein Stück, und irgendwann beschließt man, dass diese Welt so besonders, so interessant und bewegend ist, dass man sie auch anderen Menschen öffnen will. Und dann schreibt man alles auf und öffnet damit das Fenster für andere.
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Quixotiz am Do Aug 25, 2016 3:40 am

Hallo an alle,

ich hänge meinen Diskussionsbeitrag mal hier in dieses schon vorhandene Thema rein, da mein Anliegen nah an die “Warum schreibt ihr” Frage herankommt. Ich würde das Pferd nur gern noch mal von hinten aufzäumen und in Erfahrung bringen, was ihr glaubt, welchen Stellenwert eure Individualität in euren Texten hat.

Ich stelle die These auf, dass sehr viele von uns angehenden Autoren ihre Persönlichkeit beim Schreiben zu sehr in den Hintergrund stellen, weil sie es nicht wagen, sich und ihre ganz spezielle Wahrnehmung/Beurteilung der Welt als etwas Besonderes oder als nennenswert zu empfinden und zu erleben. Was dann zulasten der Experimentierfreude geht.
Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass uns allen eingebläut wurde, das A und O beim Schreiben wäre eine professionelle Distanz zum Text. Wir müssen Kritik erdulden lernen und das ist umso schwerer, je mehr man von sich selbst in eine Geschichte hinein gibt und je mehr man wagt.  
Meiner Erfahrung nach, versuchen zu viele Autoren, ihre Geschichten so zu schreiben und zu verbessern, dass sie klingen, wie Geschichten eben klingen müssen und zu selten versuchen, ihre Texte so schreiben zu lernen, dass sie am Ende klingen, wie sie möchten, dass sie klingen.

Dabei ist es in den seltensten Fällen der Plot oder die Schreibe a la DIN Norm, die einen Text zu etwas Besonderem macht, meistens ist es dieses Gefühl eine völlig neue Sicht auf die Welt zu erleben oder das Gefühl unsere eigene Weltanschauung bestätigt zu finden. Trotzdem beschäftigen wir uns permanent nur mit der Materie und eher selten mit dem Geist.

Die Persönlichkeit des Autors entscheidet über die tiefere Struktur einer Geschichte, über die Wortwahl, die Satzstellung, den Rhythmus, sie macht ihr Flair und ihre Farbe aus. Sie ist das, was wir als eigenen Stil bezeichnen. Deshalb denke ich, dass es tatsächlich wichtig ist, Gründe für das Schreiben zu haben, weil das bedeutet, sich mit der Sache beschäftigt zu haben, eine Meinung zu haben und dadurch auch eine eigene Stimmfarbe.


Noch mal zusammengefasst: Meine konkreten Fragen lauten welchen Stellenwert ihr eurer Persönlichkeit in euren Geschichten einräumt, was eure Texte in euren Augen zu etwas Besonderem macht und inwiefern sich eure Motivation zu Schreiben in euren Texten niederschlägt.
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Earu am Do Aug 25, 2016 6:37 am

Puh, das sind wirklich schwierige Fragen. Darüber habe ich mir noch nie wirklich Gedanken gemacht, außer das übliche "Ich darf nicht abheben, nur weil ich die Autorin des Textes bin. Sonst mag man mich nicht und unterstellt mir gleich Starallüren."

Ich schreibe eigentlich immer so, als wäre ich die Protagonistin meiner Geschichte. Effektiv erlebe ich beim Schreiben in meiner Fantasie die Abenteuer, die meine Protagonistin bestreitet, als wäre ich diese Person. Deshalb habe ich auch immer eine Frau als Hauptfigur und Hauptperspektivträger. Es kommt durchaus vor, dass ich einen Teil meiner Geschichten aus Sicht eines Mannes "erlebe"/schreibe, aber nur, um bestimmte Dinge noch nicht aufdecken zu müssen oder weil die Protagonistin gerade z. B. ohnmächtig ist und ich erzählen will, was während dessen passiert. Meine Hauptfiguren haben immer Eigenschaften, die ich auch habe. Die eine hat Angst um ihre Zukunft, die andere spricht nicht, die dritte ist irgendwie magisch veranlagt und die vierte ist psychisch nicht ganz beisammen. Von daher bringe ich viel von mir in die Geschichten hinein, aber ohne das breit treten zu wollen. Wenn jemand meine Geschichten lesen würde, müsste er mich kennen, um die Parallelen zu entdecken. Alle anderen werden sich nichts dabei denken. Zumindest, wenn sie so gestrickt sind wie ich.

Ich denke eigentlich, dass jeder Text besonders ist, weil er geschrieben wurde. Selbst wenn wir alle die Geschichte von Schneewittchen kennen, sollten wir sie zu einem Roman gestalten, kämen sehr unterschiedliche Geschichten dabei heraus. Und ja, ich würde garantiert ein sehr erotisches Schneewittchen erschaffen können. Twisted Evil Laughing  Solche Geschichten sind allein dadurch besonders, weil kein Autor der Welt sie wiederholen könnte, ohne dass man den Unterschied merken würde. Es würde höchstens klappen, wenn jemand es gezielt darauf anlegt, und ist das dann nicht auch etwas besonderes, wenn der eigene Stil kopiert wird? Aber die Geschichten sind auch besonders, weil sie geschrieben werden wollen. Wir schreiben nicht, weil wir müssen. Niemand hält uns die Pistole auf die Brust und verlangt, dass wir sie schreiben. Nur irgendeine Stimme in uns treibt uns dazu an. Das sind wir selbst. Wir sind so fasziniert von dieser Geschichte, dass wir sie nicht loslassen können, bis sie niedergeschrieben ist oder, im schlechten Fall, wir eine Schreibblockade haben. Letzteres hat aber nichts mit der Geschichte und ihrer Besonderheit zu tun, sondern mit unserer Art, an sie heran zu treten. Vielleicht haben wir sie oder uns damit erschreckt? Cool 

Ich bin unsicher, ob man meine Motivation in meinen Texten finden kann. Spürt ein Leser, wenn der Autor von seiner Geschichte gefesselt war, sie aufschreiben musste und sie wie ein eigenes Kind liebt? Ich bilde mir ein, dass sie dann besonders gelungen sein muss. Also wäre es möglich, dass man es spüren kann. Aber die Ungewissheit flüstert mir zu, dass es auch durch Können nur den Anschein danach haben könnte. Dazu müsste ich speziell Feedback zu meinen Texten bekommen, um das beurteilen zu können. Aber danach habe ich nie gefragt.

Das ist eine interessante Angelegenheit, über die ich noch näher nachdenken muss. Aber ich finde es fies, dass du nur nach unseren Ansichten fragst und deine eigene nicht wirklich formulierst. Du stellst nur eine These auf und sagst nicht, wie du es empfindest. Lass es raus! Smile

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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Tachadenn am Do Aug 25, 2016 7:31 pm

Ich habe angefangen, weil ich keine Bücher mehr gefunden habe, die mir so richtig gefallen haben. Als ich dann schrieb, habe ich gemerkt, dass das Schreiben mehr Spaß macht, als das Lesen. Nun war ich nicht mehr passiv, nein, ich konnte die Fäden selbst ziehen. Daraus sind nun sechs abgeschlossene Romane geworden und einige Kurzgeschichten.

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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Quixotiz am Fr Aug 26, 2016 3:02 am

Dann fange ich erst mal mit Tachadenns Kommantar an. Auch wenn ich gerade vor dem Problem stehe, nicht zu wissen, ob ich Tachadenn mit “der” oder “die” oder “das” Tachadenn anreden muss Laughing (da sieht man mal, wie wenig wir uns kennen)

Na ja egal. Genderneutral extrahiere ich aus Tachadenns Beitrag, dass Unzufriedenheit mit schon vorhandenen Werken die Quelle der Motivation war. Eigentlich ein Klassiker, den man bestimmt auf der Liste eines jeden Schriftstellers findet (auch auf meiner).
Klingt ganz banal, allerdings nur, wenn man außer Acht lässt, dass das Vermeiden von Unzufriedenheit oder andersherum das Erreichen von Zufriedenheit ein Gefühl ist, von dem alles was lebt grundsätzlich durchdrungen ist.
Egal ob man sich ein Gänseblümchen hernimmt oder vielleicht sogar einen Stein. In allem existiert die seltsame Gewissheit darüber, wie es zu sein hat, damit es es selbst bleibt. Wäre dem nicht so, würde nichts wachsen und nichts seine Form behalten. Alles muss irgendwie sein.
Auch Geschichten müssen irgendwie sein.  Sie müssen wie Geschichten sein, aber sie müssen auch wie wir sein. Sind sie das nicht, fordern sie uns heraus, zu allen möglichen Handlungen (zum Beispiel der, ein Buch in die Mülltonne zu schmeißen und selbst eines zu schreiben  Smile)


Laughing Na gut, bevor ich noch esoterischer werde, wende ich mich mal Earus Beitrag zu ...


Als erstes kriegt Earu von mir den Fleißbienchen-Stempel! Und dann wirds ernst.

Du schreibst, dass du viel von dir in die Geschichten einbringst. Aber du schreibst nicht warum das so ist Wink Das musst du hier auch nicht sagen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass die Antwort auf diese Frage einen wichtigen Teil deiner Identität als Schriftstellerin ausmacht und somit deine Texte grundlegend prägt und zu Earus Texten macht.

Einerseits stimmt es natürlich, wenn du sinngemäß sagst, jeder Text ist besonders, weil jeder Mensch ein Einzelstück ist. Aber der entscheidende Punkt hierbei ist, dass vielleicht jeder Autor Schneewittchen (schlechtes Beispiel, weil Märchen) nacherzählen könnte, aber selbst wenn am Ende 1000 Autoren zusammenkämen, es doch immer nur den einen gegeben haben kann, der Schneewittchen erfunden hat.
Wie gesagt, das ist ein schlechtes Beispiel Wink Aber es ist schon ein Unterschied, ob man eine Geschichte nur schreibt/konstruiert oder sie tatsächlich kreiert.  

Meine eigene Ansicht ist eigentlich ganz einfach: Ich habe bislang geschrieben, weil ich lebe und irgendwann sterben muss und weil ich mich frage ob das etwas bedeutet. Das ist bei mir ganz offensichtlich, weil die entsprechenden Themen in allen Texten immer wieder auftauchen. Egal worüber ich schreibe, am Ende geht es immer um diese Diskrepanz zwischen der vollkommen Sinnlosigkeit und Banalität des menschlichen Lebens und diesem Gefühl, das hinter den komplexen Zusammenhängen der Welt ein großes “mehr” steht.
Und da hängt dann der lange Rattenschwanz menschlicher Emotionen und Erfahrungen dran. Vielleicht ist es ein Versuch die Zeit anzuhalten. Ich denke, wenn ich schreibe, ist das für mich wie ein Album, in dem ich erlebte Momente und die mit ihnen verbundenen Gefühle aufbewahre und ihnen (und vielleicht sogar mir selbst) dadurch eine Bedeutung zuschreibe oder sie in einen Kontext bringe confused Na ja, irgendsowas Komisches halt.
Ich denke schon, dass ich meinen eigenen Stil inzwischen gefunden habe, auch wenn es unendlich lange gedauert hat! Ob das für mich von Vorteil ist, weiß ich allerdings nicht Laughing

Irgendwann, vor einigen Jahren, war ich mal ziemlich down, als mir klar wurde, dass ich eigentlich immer über dasselbe schreibe. Ich kam mir deshalb ganz schön phantasielos vor. Aber es gab da einen netten Menschen, der mir riet, mir darüber keine Gedanken zu machen, weil es im Leben sowieso immer nur um dieselben Themen geht. Es sei überhaupt nicht so wichtig, worum es geht, sagte dieser Mensch zu mir, wirklich wichtig sei nur, das worüber ich schreibe, auf eine eigene unverwechselbare Art zu schreiben.
Kurz gesagt, mir wurde geraten, die Tatsache, dass niemand die Welt im Detail so erlebt wie ich sie erlebe, viel ernster zu nehmen, als ich es bis dahin getan hatte.
Darüber denke ich oft nach. Wie man sieht auch hier Wink
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Traummuschel am Fr Aug 26, 2016 3:09 am

Welchen Stellenwert räumt ihr eurer Persönlichkeit in euren Geschichten ein?
Ehrlich gesagt einen ziemlich großen. Ich habe für mein Alter recht viel Lebenserfahrung und ein sehr klares Weltbild. Beides lasse ich in meine Geschichten einfließen. Ich sehe mich absolut als Künstler. Ich schreibe, zeichne, designe und komponiere ein bisschen. Für mich ist das Schreiben und das erschaffen von Kunst, de den Menschen berührt, meine Berufung.

Was macht eure Texte in euren Augen zu etwas Besonderem?
Im Zentrum stehen bei mir die Gefühle, die Entwicklungen der Figuren und Licht und Schatten. Ich bin, denke ich, ein sehr empathischer und romantischer Mensch, was meinen Stil prägt. Außerdem sind meine Geschichten reich an Symbolen, Metaphern, sowie Liebe, Licht und Hoffnung.

Inwiefern schlägt sich eure Motivation zu Schreiben in euren Texten nieder?
Ich schreibe, um Menschen zu berühren und etwas Gutes in die Welt zu bringen. Das schlägt sich darin nieder, dass ich immer Liebesgeschichten schreibe und meine Charaktere oft ein schweres Los haben, aber doch das Licht wieder in ihrem Leben finden. Außerdem habe ich recht häufig klare gut-böse-Trennungen, die sich im Handlungsverlauf aber verschieben können, da das Leben nunmal voller Graustufen ist.

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 Langen und bangen in schwebender Pein,
 Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt –
 Glücklich allein ist die Seele, die liebt. ~
(Johann Wolfgang von Goethe, aus Egmont)
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  DrJones am Fr Aug 26, 2016 6:55 am

@Quixotiz

Ich bin Dir total dankbar, dass Du hier wieder Schwung hineingebracht hast!! cheers bounce

Unsere Fragestellungen sind etwas unterschiedlich und doch verbindet sie sehr viel.

Welchen Stellenwert räumt ihr eurer Persönlichkeit in euren Geschichten ein?
Zu viel!  Wink Ich würde am liebsten Protas bzw. Helden entwickeln, die so ganz anders sind als ich. Leider nähern sich die Protas immer an meine Art zu denken und handeln an. Natürlich schöpft man aus der eigenen Psyche, aus dem kollektiven Unterbewussten und aus der eigenen Vergangenheit. Man sollte sich jedoch, mMn, davor hüten, einen Protagonisten einer realen Person in etwa 1:1 nachzuempfinden. Inspirieren lassen: ja. Nachbauen: nein. Es geht darum, etwas zu zeigen, was sich hinter der "Wirklichkeit" befindet. Wahrheit bzw. Wahrhaftigkeit.


Was macht eure Texte in euren Augen zu etwas Besonderem?
Ich gehe thematisch und von den Figuren her sehr gerne in die Extreme. Dramatische Situationen mit extremen Protas. Ich will dadurch die Psyche der Leser aufwühlen, so dass bei diesen evtl. brach liegende Energien bzw. Kräfte geweckt werden, so dass diese erkennen, wer sie selbst sind oder Wahrheit spüren. Den inneren Drachen töten, der uns hemmt, blockiert. Das hat wenig mit Esoterik zu tun, sondern mit bestimmten mythologischen Funktionen. Stichwort: Mythen. Meine Geschichten baue ich nach mythischen Grundsätzen auf. Auch Geschichten aus der Jetztzeit oder der Zukunft. Alles, was mit Mythen zu tun hat, wie mythologische Archetypen, Initiationsriten, Transzendenz, Geburt des Bewusstseins, Selbstfindung, Gegensatzpaare,versteckte Dimensionen, die in unsere Wirklichkeit hineinwirken, Symbolik usw. usw.
Ich glaube ganz stark an den Mythos.



Inwiefern schlägt sich eure Motivation zu Schreiben in euren Texten nieder?
Wäre zunächst die Frage: Was ist meine Motivation? Den Leser aufwühlen. Ihn zum Nachdenken anregen, über sein Leben und sich selbst, seine Gesellschaft, seine Familie ... Wahrheit ist das Ziel. Selbstfindung. Mitgefühl. Literarische Erfüllung von Sehnsüchten des Lesers: Soziale Anerkennung, Sicherheit, Geborgenheit, Vertrauen, Liebe, Selbstachtung, Verantwortung, Souveränität. Diese Sehnsüchte sind Teil des Themas der Geschichte, das sich aber selbst im Hintergrund halten und nur durch das Papier hindurchschimmern sollte.


Die Formel, welche ich verwende, ist recht einfach:
Prota am Anfang der Geschichte, Krise und Heldenreise mit Prüfungen und Offenbarungen, veränderter Prota am Ende der Geschichte.

An diese Formel halte ich mich grundsätzlich. Wenn ich alles auf eine einzige Aussage zusammendampfen müsste, oder auf nur ein Wort, dann wäre das wahrscheinlich: Metamorphose.
Der Prota und seine Welt sollten nach der Geschichte eine andere sein.

Es gibt natürlich auch epische und lyrische Geschichten, die Aspekte davon nicht haben und ebenfalls ihre Wirkung erzielen.
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Earu am Sa Aug 27, 2016 12:06 am

@Quixotiz schrieb:Als erstes kriegt Earu von mir den Fleißbienchen-Stempel!
Yeah! cheers Ich mag Stempel, die ich zum Lob bekomme. Laughing
@Quixotiz schrieb:Du schreibst, dass du viel von dir in die Geschichten einbringst. Aber du schreibst nicht warum das so ist Wink Das musst du hier auch nicht sagen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass die Antwort auf diese Frage einen wichtigen Teil deiner Identität als Schriftstellerin ausmacht und somit deine Texte grundlegend prägt und zu Earus Texten macht.
Soweit habe ich gar nicht gedacht. Ich schreibe Teile meiner Persönlichkeit in meine Charaktere hinein, weil ich mich kenne bzw. dadurch auch besser kennenlerne. Es ist zum Teil mittlerweile auch eine Form von Therapie, weil ich gemerkt habe, dass das Schreiben mir hilft. Vermutlich, weil ich mich dadurch mit mir selbst beschäftige. Es ist für mich immer seltsam, wie ich meine Charaktere aufbaue und im Nachhinein feststelle, wie ähnlich sie mir in manchen Dingen sind.
@Quixotiz schrieb:Einerseits stimmt es natürlich, wenn du sinngemäß sagst, jeder Text ist besonders, weil jeder Mensch ein Einzelstück ist. Aber der entscheidende Punkt hierbei ist, dass vielleicht jeder Autor Schneewittchen (schlechtes Beispiel, weil Märchen) nacherzählen könnte, aber selbst wenn am Ende 1000 Autoren zusammenkämen, es doch immer nur den einen gegeben haben kann, der Schneewittchen erfunden hat.
Es ging mir dabei nur um die Persönlichkeit des Autors, die die Geschichten prägen. Selbst wenn der Verlauf und der Ausgang der Geschichte bekannt ist, kann aus Schneewittchen plötzlich eine notgeile Zicke und aus dem Prinzenkuss ein Versehen werden. Smile  

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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Tachadenn am Sa Aug 27, 2016 12:42 am

Hi,
@Quixotiz schrieb:Na ja egal. Genderneutral extrahiere ich aus Tachadenns Beitrag, dass Unzufriedenheit mit schon vorhandenen Werken die Quelle der Motivation war. Eigentlich ein Klassiker, den man bestimmt auf der Liste eines jeden Schriftstellers findet (auch auf meiner).
Tachadenn = Der Klecks - im Deutschen männlich, in der originalen Spache eher weiblich tongue 

Klingt ganz banal, allerdings nur, wenn man außer Acht lässt, dass das Vermeiden von Unzufriedenheit oder andersherum das Erreichen von Zufriedenheit ein Gefühl ist, von dem alles was lebt grundsätzlich durchdrungen ist.
Nana, so banal war das nicht. Die Geschichten gabs schon immer. Nur niedergeschrieben habe ich sie erst, als der Lesestoff rar wurde und mir eine Chatterin Mut machte, sie zu Papier zu bringen. Und es machte Spaß sunny  - jemanden, der nie gut in Deutsch war, sogar miserabel (O-Ton Deuschlehrer) drunken

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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  DrJones am Sa Aug 27, 2016 11:35 pm

@Quixotiz schrieb:Genderneutral extrahiere ich aus Tachadenns Beitrag, dass Unzufriedenheit mit schon vorhandenen Werken die Quelle der Motivation war. Eigentlich ein Klassiker, den man bestimmt auf der Liste eines jeden Schriftstellers findet (auch auf meiner).


Ist bei mir absolut nicht der Fall. Smile Im Gegenteil: Ich hatte so viele gut bis sehr gut geschriebene Bücher gelesen und mir gesagt: "Da möchte ich auch hin! Das möchte ich auch mal können!"  Nur die guten Bücher waren also meine Leuchttürme. Schlechte Bücher hatte ich natürlich auch gelesen. Einige davon sogar mit Vergnügen. Sie waren jedoch nie Motivation für mich, es besser zu machen als "diese" Autoren.
Durch die Beschäftigung mit der Materie "literarisches Schreiben" entwickelte ich auch eine höhere Sensibilität für Geschichten und die Art, wie diese geschrieben werden. Natürlich versuche ich stilistische und inhaltliche Fehler beim Schreiben zu vermeiden. Ich weiß also, was an Büchern schlecht sein kann und wie ich das möglichst umschiffe. Andererseits weiß ich auch, was an Büchern gut ist und bewege mich darauf zu.



@Quixotiz schrieb:Klingt ganz banal, allerdings nur, wenn man außer Acht lässt, dass das Vermeiden von Unzufriedenheit oder andersherum das Erreichen von Zufriedenheit ein Gefühl ist, von dem alles was lebt grundsätzlich durchdrungen ist.

Das gilt, wie Du schreibst, grundsätzlich - wobei es sich bei mir auf das eigene Schreiben bezieht. Ich will es also nicht besser machen als die anderen; ich will es so gut wie möglich machen, im Rahmen meiner eigenen Möglichkeiten.


@Quixotiz schrieb:Meiner Erfahrung nach, versuchen zu viele Autoren, ihre Geschichten so zu schreiben und zu verbessern, dass sie klingen, wie Geschichten eben klingen müssen und zu selten versuchen, ihre Texte so schreiben zu lernen, dass sie am Ende klingen, wie sie möchten, dass sie klingen.

Ich sehe da erstmal keinen Widerspruch. Klar, viele Autoren bürsten ihre Texte auf Mainstream. Ob das nun gut oder schlecht ist, sei mal dahingestellt.
Das hängt natürlich auch damit zusammen, ob ich Genreliteratur schreibe oder nicht. Je nach Genre, gibt es da bei der Leserschaft dezidierte Erwartungshaltungen an ein Buch in einem bestimmten Genre. Das fängt schon bei der Gestaltung des Buchdeckels an und dem Klappentext usw. Schon dort wird ja kommuniziert, was den Leser erwartet.
Ich möchte jetzt keine "Verlagsdiskussion" aufmachen, aber sowohl bei den Verlagen als auch beim Selfpublishing stellt sich ja  wahrscheinlich die Frage, was man dem Leser bieten möchte und was dieser erwartet bzw. erwarten darf, wenn das Buch etwa ein SciFi-Buch sein soll. Genrekonventionen, also. Was darüber als Individualstil hinausgeht, ist ein interessantes Thema, inwieweit man das ausreizen kann, ohne die Genregrenzen zu verletzen bzw. falls man diese verletzt, inwieweit das als Chance aufgegriffen werden kann, etwas wirklich Neues zu erschaffen und die Leser damit zu begeistern. Klar, kann man es nie allen recht machen. Andererseits möchte ein Autor auch gelesen werden. Es ist also oft eine Gratwanderung zwischen Mainsteam und Individualstil.  Wink
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Quixotiz am So Aug 28, 2016 1:38 am

Oh! Hier hat sich viel angesammelt! thumbsup


@Traummuschel
Ich freue mich, dass die Künstlergarde hier im TK wächst und gedeiht!

Interessant finde ich, dass du schreibst, du hättest ein klares Weltbild. Ich glaube, mein Weltbild ist in den letzten fünfzehn Jahren (also so ab 20 an) stetig unklarer und rätselhafter geworden.
Wie fühlt sich das an, so ein klare Weltbild? Was bedeutet das? Und widerspricht sich das nicht mit der Annahme von Graustufen?

Den Vorsatz Menschen berühren zu wollen, finde ich sehr edel und (ja!) auch ein bisschen romantisch. Besonders wo es heutzutage, wo wir alle immer unberührbarer zu werden scheinen.


@Tachadenn (DAS geheimnisvolle Tachadenn / wenn ich tippen müsste, würde ich auf weiblich tippen, da ich dich so einschätze, dass du das Original vorziehst  tongue )

So schnell geht das: Gemeinsamkeit gefunden! Ich war auch nie gut in Deutsch, dicht dran an miserabel (manchmal glaube ich, ich bin es auch heute noch Laughing)
Da sieht man mal wieder, dass das Handwerk tatsächlich nicht alles ist! Aber der Glaube daran, dass es alles ist, leicht dazu führen kann, dass viele gute Geschichten nie geschrieben werden. Ich habe lange mit mir gehadert, weil ich es fast schon ein bisschen peinlich fand, als Deutschniete ausgerechnet schreiben zu wollen Laughing



@DrJones

Wenn ich gewusst hätte, dass du noch da bist, hätte ich noch mehr Bezug auf deinen Eingangspost genommen, aber es hat ja auch so funktioniert.

Mit den Protagonisten geht es mir genauso wie dir. Mir ist es erst bei meinem letzten und derzeitigem Romanprojekt so ergangen, dass ich feststellen musste, dass ich mich mit Charakter XY deshalb so schwer tue, weil er all meine Eigenschaften verkörpert, die ich immer als erstes von mir weise.

Das Nachbauen sehe ich locker. Denn natürlich hast du Recht. 1:1 funktioniert sowieso nicht. Romanfiguren sind immer zweidimensionale Figuren in einem zweidimensionalen Raum. Reale Personen sind drei- oder meinetwegen auch vierdimensional in einem “ich weiß nicht wie viel”-dimensionalen Raum.

Ich frage mich, was das ist, die Wahrheit hinter der Wirklichkeit. Ich bin mir gar nicht so sicher, dass es da eine Wahrheit gibt. Oder anders gesagt, ich könnte mir vorstellen, dass die Wahrheit unscharf ist. Wir hatten vor langer Zeit mal in einem Projektforum eine Diskussion über die Unschärferelation. Ich habe von solchen Dingen keine (echte, im fachlichen Sinne) Ahnung, aber ich könnte mir vorstellen, dass es sich mit der Wahrheit genauso verhält, dass ihre Struktur nicht so fest ist, wie wir als Menschen erwarten, ausgehend von unseren Erfahrungswerten, und sie deshalb auch so viel Spiel- und Deutungsraum bietet.

Aber das ist jetzt auch schon wieder Mythologie Laughing Die Mythologiesache spricht mich schon an, aber da ich mich nie ernsthaft für bestimmte Mythologien interessiert habe, erfinde ich meist meine eigene. Kreative Problemlösung Cool

Mit den guten Büchern verhält es sich ja genauso wie mit den schlechten. Wobei sich meine Bemerkung mit der Unzufriedenheit mit Büchern anderer Autoren auch nicht unbedingt nur auf deren Qualität bezog.
Ich denke, in erster Linie ist es dieses Gefühl, dass die Geschichte hätte anders laufen müssen. Das man selbst es anders gemacht hätte.
Mir haben zum Beispiel oft die Nebenfiguren viel besser gefallen als die Hauptfiguren.


“im Rahmen meiner Möglichkeiten”
Das finde ich gut. Denn darum geht es ja beim Einbringen seiner Persönlichkeit. Man muss seine eigenen Möglichkeiten kennen. Aber um sie zu kennen, muss man seine Grenzen erst mal ausgelotet haben. Und das tun viele angehende Autoren nicht.

Das mit der Gratwanderung wäre genau mein Thema. Bei meinem (bis auf weiteres) unfertigen Krimi habe ich den Genre-Mischmasch versucht und erlebt, dass die Meinungen zu dem Text wesentlich “radikaler” ausfallen, als das bei meinen “normalen” Texten der Fall war (ich setze das normal extra in Häkchen Laughing) Einige wenige mögen es, die anderen lesen schon nach dem ersten Absatz nicht weiter und sind gar nicht erst bereit, sich überhaupt mit dem Text auseinanderzusetzen.
Eigentlich habe ich mich für die Individualität entschieden. Eigentlich ist die Sache für mich völlig klar. Aber dadurch, dass meine Texte schon seit Jahren fast niemand mehr liest, habe ich auch erst mal aufgehört zu schreiben. Man braucht also auf jeden Fall ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein, um sich als “Selbst” durchzusetzen.



@Earu    
hier noch ein Fleißbienchen Laughing

Schreiben als Therapie, finde ich so gesehen gut. Trifft auf mich auch zu. Mir gefällt dabei nur das Wort “Threapie” nicht. Ich würde es eher “Lebens/Erfahrungsbewältigung” nennen.
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Earu am So Aug 28, 2016 2:11 am

@Quixotiz schrieb:Das mit der Gratwanderung wäre genau mein Thema. Bei meinem (bis auf weiteres) unfertigen Krimi habe ich den Genre-Mischmasch versucht und erlebt, dass die Meinungen zu dem Text wesentlich “radikaler” ausfallen, als das bei meinen “normalen” Texten der Fall war (ich setze das normal extra in Häkchen Laughing) Einige wenige mögen es, die anderen lesen schon nach dem ersten Absatz nicht weiter und sind gar nicht erst bereit, sich überhaupt mit dem Text auseinanderzusetzen.
Eigentlich habe ich mich für die Individualität entschieden. Eigentlich ist die Sache für mich völlig klar. Aber dadurch, dass meine Texte schon seit Jahren fast niemand mehr liest, habe ich auch erst mal aufgehört zu schreiben. Man braucht also auf jeden Fall ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein, um sich als “Selbst” durchzusetzen.
Jetzt bin ich doch ziemlich neugierig, was du unter radikal und normal bei dir verstehst.
@Quixotiz schrieb:@Earu    
hier noch ein Fleißbienchen Laughing

Schreiben als Therapie, finde ich so gesehen gut. Trifft auf mich auch zu. Mir gefällt dabei nur das Wort “Threapie” nicht. Ich würde es eher “Lebens/Erfahrungsbewältigung” nennen.
Ui, da freu ich mich aber. Ein Fleißbienchen ganz allein für mich. Sowas habe ich noch nie bekommen.

Die Bezeichnung ist mir prinzipiell egal. Hauptsache, es hilft. Irgendwie könnte man diese Worte auch als Synonym zueinander betrachten.

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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  DrJones am So Aug 28, 2016 5:33 am

@Quixotiz schrieb:Wenn ich gewusst hätte, dass du noch da bist, hätte ich noch mehr Bezug auf deinen Eingangspost genommen, aber es hat ja auch so funktioniert.

Hey, eigentlich bin ich im Exil bzw. in der Auszeit. Laughing


@Quixotiz schrieb:Mit den Protagonisten geht es mir genauso wie dir. Mir ist es erst bei meinem letzten und derzeitigem Romanprojekt so ergangen, dass ich feststellen musste, dass ich mich mit Charakter XY deshalb so schwer tue, weil er all meine Eigenschaften verkörpert, die ich immer als erstes von mir weise.

Ja, ich rutsche in diese "Falle" auch immer wieder hinein. Dann nehme ich mir den Figurensteckbrief, sehe da hinein und stelle mir die alles entscheidende Frage: "Würde er oder sie (der Prota) wirklich?" bzw. "Wie würde er oder sie?"


@Quixotiz schrieb:Das Nachbauen sehe ich locker. Denn natürlich hast du Recht. 1:1 funktioniert sowieso nicht. Romanfiguren sind immer zweidimensionale Figuren in einem zweidimensionalen Raum. Reale Personen sind drei- oder meinetwegen auch vierdimensional in einem “ich weiß nicht wie viel”-dimensionalen Raum.

Ich habe den Eindruck, dass Romanfiguren, wenn sie gut ausgearbeitet sind, mindestens so viele Dimensionen haben wie echte Menschen. Das liegt evtl. daran, dass man ja aus seiner eigenen Psyche schöpft, dem Unterbewussten und seinen Erfahrungen und zusätzlich (!) zeigt, wer die Figur WIRKLICH ist. Diese Erkenntnis ist den meisten Menschen ja verborgen: "Wer bin ich wirklich?" Sie leben ihr Leben, gehen zur Arbeit und sind evtl. unglücklich und wissen nicht warum. Dann gehen sie evtl. in Therapie.
Geschichten können daher dem Menschen so unendlich viel geben, allein, indem sie zeigen: "Hey, Du bist vielleicht gar nicht der, für den Du Dich hältst. In Dir stecken ganz tolle Energien und kreative Kräfte, die Du zur Blüte bringen kannst!"
Wenn ein Buch diese Aufbruchstimmung bzw. Erweckung schafft, dann ist es für mich ein sehr, sehr gutes Buch.


@Quixotiz schrieb:Ich frage mich, was das ist, die Wahrheit hinter der Wirklichkeit. Ich bin mir gar nicht so sicher, dass es da eine Wahrheit gibt. Oder anders gesagt, ich könnte mir vorstellen, dass die Wahrheit unscharf ist. Wir hatten vor langer Zeit mal in einem Projektforum eine Diskussion über die Unschärferelation. Ich habe von solchen Dingen keine (echte, im fachlichen Sinne) Ahnung, aber ich könnte mir vorstellen, dass es sich mit der Wahrheit genauso verhält, dass ihre Struktur nicht so fest ist, wie wir als Menschen erwarten, ausgehend von unseren Erfahrungswerten, und sie deshalb auch so viel Spiel- und Deutungsraum bietet.

Ja, Unschärferelation: "Je genauer Du bei der einen Sache hinsiehst, desto unschärfer wird eine andere Sache."
Echt genialer Vergleich von Dir mit der Unschärferelation! cheers

Die "Wahrheit" ... Ich erinnere mich gerade an einen, wie ich finde, recht klugen Spruch: "Die Wahrheit ist kein Stein aus Granit."
Es geht auch nicht um DIE Wahrheit, sondern darum, die Wirklichkeit, so wie wir sie erleben, zu hinterfragen. Gute Geschichten spielen mit der Wirklichkeit als Kulisse und dem, was sich dahinter eigentlich verbirgt. Die "Tribute von Panem" ist ein recht schönes Beispiel dafür. Der Held muss sehr willensstark sein, um die Wahrheit hinter der Wirklichkeit freizulegen und für andere sichtbar zu machen. Es ist ein Gewaltakt, sich gegen die bestehende Meinung und Wirklichkeitsrezeption zu stellen. Die einsame Stimme in der Wüste, sozusagen.


@Quixotiz schrieb:Aber das ist jetzt auch schon wieder Mythologie Die Mythologiesache spricht mich schon an, aber da ich mich nie ernsthaft für bestimmte Mythologien interessiert habe, erfinde ich meist meine eigene. Kreative Problemlösung

Ich kann es jedem nur empfehlen, sich mit Mythologie zu beschäftigen. Es geht gar nicht so sehr um Heldensagen usw., sondern um die Mythologie als solche. J. Campbells Buch "Der Heros in tausend Gestalten" möchte ich Dir wärmstens ans Herz legen, falls Du doch einmal in diese Richtung gehen möchtest.


@Quixotiz schrieb:Mit den guten Büchern verhält es sich ja genauso wie mit den schlechten. Wobei sich meine Bemerkung mit der Unzufriedenheit mit Büchern anderer Autoren auch nicht unbedingt nur auf deren Qualität bezog.

Das habe ich mir schon gedacht, dass ich es irgendwie falsch bzw. unvollständig verstanden hatte. Wink



@Quixotiz schrieb:Ich denke, in erster Linie ist es dieses Gefühl, dass die Geschichte hätte anders laufen müssen. Das man selbst es anders gemacht hätte.
Mir haben zum Beispiel oft die Nebenfiguren viel besser gefallen als die Hauptfiguren.

Ja, das geht mir auch manchmal so. Dann frage ich mich aber, ob diese Alternativversion wirklich gangbar wäre. Manche Geschichten gehen doof bzw. unpassend aus bzw. es wird zuviel offengelassen.


@Quixotiz schrieb:
Das finde ich gut. Denn darum geht es ja beim Einbringen seiner Persönlichkeit. Man muss seine eigenen Möglichkeiten kennen. Aber um sie zu kennen, muss man seine Grenzen erst mal ausgelotet haben. Und das tun viele angehende Autoren nicht.

Ja, in die persönlichen Extreme gehen! Erst dann kennt man sein "Feld" und weiß, wo man evtl. Brücken bauen und wo man sich etwas vorsehen müsste.



@Quixotiz schrieb:Das mit der Gratwanderung wäre genau mein Thema. Bei meinem (bis auf weiteres) unfertigen Krimi habe ich den Genre-Mischmasch versucht und erlebt, dass die Meinungen zu dem Text wesentlich “radikaler” ausfallen, als das bei meinen “normalen” Texten der Fall war (ich setze das normal extra in Häkchen ) Einige wenige mögen es, die anderen lesen schon nach dem ersten Absatz nicht weiter und sind gar nicht erst bereit, sich überhaupt mit dem Text auseinanderzusetzen.

Ich kenne diese Situation: Man ist 100% zufrieden mit seiner Story, andere sagen aber: "HÄH?!?"
Das ist ja immer die Sache bei uns Kreativen: Wir strecken unseren Nacken heraus, und uns droht, dass da jemand draufschlägt. Manche Sachen sind auch nicht reif für die Zeit, in der sie entstehen. Man sollte mehr auf seinen Bauch hören und sich nicht entmutigen lassen. Manchmal, da weiß ich: "Genau das ist es, und mir ist es egal, wenn es 90% nicht mögen."
So entstehen oft wirkliche Innovationen und schöpferische Sachen.

Es spricht manchmal für einen Test, wenn dieser vehement abgelehnt wird - zeigt es doch, dass hier etwas drin ist, dass die Menschen irgendwo sticht, unbequem für sie ist. Die Wahrheit ist z. B. oft unbequem. Vielleicht steckt in dem Text zuviel unbequeme Wahrheit.

Auch möglich, dass solche Texte wirklich schlecht sind. Smile



@Quixotiz schrieb:Eigentlich habe ich mich für die Individualität entschieden. Eigentlich ist die Sache für mich völlig klar. Aber dadurch, dass meine Texte schon seit Jahren fast niemand mehr liest, habe ich auch erst mal aufgehört zu schreiben. Man braucht also auf jeden Fall ein gewisses Maß an Selbstbewusstsein, um sich als “Selbst” durchzusetzen.

Hier wären wir wieder bei "Gratwanderung". Wie wichtig ist Dir Individualität? Inwieweit kann diese etwas in den Hintergrund treten, um der eigentlichen Geschichte und den Figuren darin wieder Platz zu machen bzw. um mehr Menschen anzusprechen?
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Tachadenn am So Aug 28, 2016 7:53 pm

@Quixotiz schrieb:@Tachadenn (DAS geheimnisvolle Tachadenn / wenn ich tippen müsste, würde ich auf weiblich tippen, da ich dich so einschätze, dass du das Original vorziehst   )
*bg* allerdings kann ich mit den weiblichen Romanen mehr anfangen, solange sie nicht vor Schmalz triefen. Bei ihnen bekommen die Personen und ihre Probleme mehr Raum.

In den männlichen wird oft blutrünstig daraufgeschlagen - liegt mir nicht.

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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Traummuschel am So Aug 28, 2016 10:09 pm

@Quixotiz schrieb:Ich freue mich, dass die Künstlergarde hier im TK wächst und gedeiht!

Interessant finde ich, dass du schreibst, du hättest ein klares Weltbild. Ich glaube, mein Weltbild ist in den letzten fünfzehn Jahren (also so ab 20 an) stetig unklarer und rätselhafter geworden.
Wie fühlt sich das an, so ein klare Weltbild? Was bedeutet das? Und widerspricht sich das nicht mit der Annahme von Graustufen?

Den Vorsatz Menschen berühren zu wollen, finde ich sehr edel und (ja!) auch ein bisschen romantisch. Besonders wo es heutzutage, wo wir alle immer unberührbarer zu werden scheinen.

Ja, darüber freue ich mich auch =)
Nun ich glaube an das Gute und das Böse, das Licht und die Dunkelheit. Beides ist fundamental für das Gleichgewicht der Welt. Wir Menschen sind weder Engel noch Dämonen, wir stehen dazwischen. Ich denke, die meisten Menschen sind von Natur aus gut, jeder Mensch hat ein inneres Licht. Aber wir haben eben den freien Willen, Emotionen und Missverständnisse, wodurch Menschen schlechte Dinge tun können. Zum einen ist nicht alles schlechte gleich schwarz, zum anderen sorgt das Licht der Menschen dafür, dass es sehr lange grau bleibt.
Deswegen fällt es mir auch recht schwer echte Antagonisten zu schreiben. Auch wenn ich sie lese, denke ich sofort über ihre Beweggründe nach und sobald ich sie mir in etwa denken kann, sind sie für mich nicht mehr böse, sondern fast schon die Protagonisten, weil ich dann mitfiebere, wie ihr Schmerz gelindert werden kann. Ich sehe immer das Gute im Menschen. Außerdem sehe ich die Notwendigkeit von Leid und Dunkelheit für unsere Welt und unser Leben.
Das alles baue ich in meine Geschichten ein.
Mich selbst haben Geschichten immer am meisten berührt. Sie sind ein untrennbarer Teil meines Lebens und haben mir soviel gegeben. Das möchte ich auch anderen geben Smile

_________________
~Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein,
 Langen und bangen in schwebender Pein,
 Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt –
 Glücklich allein ist die Seele, die liebt. ~
(Johann Wolfgang von Goethe, aus Egmont)
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  DrJones am So Aug 28, 2016 11:51 pm

@Traummuschel

Bei der Zeichnung der Antagonisten bzw. Bösewichte ist das so eine Sache: Wie weit kann ich die Gründe bzw. Rechtfertigungen für einen Antagonisten ausführen, ohne dass der Leser zuviel Sympathien für ihn entwickelt? Er soll ja primär mit dem Protagonisten fühlen, mit ihm hoffen und bangen. Beim Paten (Puzo) z. B. kann man durchaus Sympathien für die Corleones empfinden, mit ihrer Failienehre und all ihren Prinzipien. Vielleicht hängt es auch davon ab, aus wessen Perspektive ich die Geschichte schreibe. Bei Wicked (OZ Thematik) hatte ich sofort Sympathien mir der "bösen" Hexe. Man konnte ab ihrer Kindheit alles mitverfolgen, verstehen. Da war sie nicht böse für mich, sondern sogar die moralische Instanz in der Diktatur des bösen Zauberers. Der Böse denkt nicht unbedingt von sich selbst, dass er böse ist. Wie kommt das? Er könnte es selbst nicht ertragen. Sein Ego errichtet dazu hohe Wände aus Projektionen, Rationalisierungen und Verdrängungen, die ihn vielmehr denken lassen, dass er der Gute ist und sich alle gegen ihn verschworen haben ("Festungsfamilie"). Das kann man alles zeigen, sollte aber schon deutlich machen: DAS ist der Böse. - allerdings mit genug Interpretationsspielraum für den Leser, damit sich dieser nicht bevormundet vorkommt.

Die Herangehensweise ist vergleichbar mit dem Sammeln von belastenden und entlastenden Beweisen bzw. mit Zeugenaussagen, wo oft Infos bewusst oder unbewusst ausgelassen werden bzw. anderes aufgebauscht wird, damit man sich z. B. selbst entlastet oder einen anderen belastet.

Ich wollte nur sagen, dass man ein wenig aufpassen muss, dass man den Kontrast zwischen gut und böse nicht zu sehr auflöst. Natürlich darf der Gute ein wenig böse und der Böse auch ein wenig gut sein.
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Herzeloyde am Mo Aug 29, 2016 1:34 am

Leute, Leute, da hat man mal ein paar Tage keine Zeit für eine Antwort und dann wird es hier so philosophisch, dass ich mich fast nicht mehr hineintraue. Was bin ich hier von klugen Menschen umgeben. strauß

Also, etwas verspätet, meine bescheidene Meinung, weil ich das Thema sehr wichtig finde. Danke @Quixotiz

Du schriebst am Anfang (sinngemäss), dass sich viel zu wenige Autoren trauen, ihre Sicht und Wahrnehmung der Welt in ihre Texte zu legen. Das ist mit Sicherheit so und ich beobachte das auch bei mir, dass das für mich ein grosser Lernprozess war und immer noch ist.
Meine These ist es schon seit Jahren, dass der Sog der Gesellschaft viel grösser ist, als wir gemeinhin von uns selber annehmen. Vieles was wir tun, ist unbewusst von den Erwartungen gesteuert, die die Gesesellschaft an uns hat. Es hat ein ganzes Jahr Auszeit gebraucht, um zu verstehen, wie weit die Gesellschaft mich beeinflusst und mich von diesem Einflüssen loszumachen. Seit ich wieder zurück im Hamsterrad bin, sind schon einige Jahre vergangen und ich spüre immer wieder, wie schwer er mir fällt, diesem Sog zu entgehen. Schreiben, so bald es ehrlich ist, ist auch ein sich Exponieren und ich glaube, dass es ein zutiefst menschlicher Drang ist, sich in der Masse einzuordnen und nicht hervorzustechen. Darum ist diese öffentliche Darstellung der eignenen Sichtweise und Gefühle(!), die in jedem guten Text mitschwingen, ein Risiko. Das Risiko nämlich, dass die Gesellschaft auf einen aufmerksam wird, man Rede und Antwort stehen muss.

Aber, wie auch Earu schon weiter oben schrieb. Wenn ich bereit bin, diese Ehrlichkeit in meine Texte zu legen, dann hilft mir das, mich selber besser kennen zu lernen.

Beim Lesen dieses Threads ist mir klar geworden, dass ich vor allem aus Sehnsucht schreibe. Es ist eine Form von Fernweh, sozusagen, ein Ort, an dem ich (relativ) gefahrlos in Gefühle und Gedankenspiele eintauchen kann, Orte, die ich im richtigen Leben nie aufsuchen würde oder aufsuchen wollte. Es ist also eine ähnliche Motivation, wie das, was mich zum Lesen antreibt. Leider sind auch bei mir die guten Bücher selten geworden. Dieses Eintauchen hat immer seltener funktioniert und die Auseinandersetzung mit mir selbst findet beim Schreiben ungleich stärker statt, als beim Lesen.


Dr. Jones schrieb schrieb:
Geschichten können daher dem Menschen so unendlich viel geben, allein, indem sie zeigen: "Hey, Du bist vielleicht gar nicht der, für den Du Dich hältst. In Dir stecken ganz tolle Energien und kreative Kräfte, die Du zur Blüte bringen kannst!"
Wenn ein Buch diese Aufbruchstimmung bzw. Erweckung schafft, dann ist es für mich ein sehr, sehr gutes Buch.
Genau. Und das funktioniert nur, wenn der Autor mit seinen eigenen Gefühlen dahinter stehen kann, bwz. seine eigenen Gefühle investiert hat. Ich glaube, es ist vergleichbar mit jeder Form der Kunst. Wenn ein Pianist ein schwieriges Stück technisch einwandfrei spielt, berührt uns das nicht. Nur wenn er seine eigenen Gefühle investiert, bewegt sich etwas im Inneren der Zuhörer.
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  DrJones am Mo Aug 29, 2016 5:55 am

@Herzeloyde schrieb:

Was bin ich hier von klugen Menschen umgeben.


Ach Du, wir sind gaaanz normal - soweit ... Laughing
Danke!  Embarassed Smile



@Herzeloyde schrieb:
Beim Lesen dieses Threads ist mir klar geworden, dass ich vor allem aus Sehnsucht schreibe. Es ist eine Form von Fernweh, sozusagen, ein Ort, an dem ich (relativ) gefahrlos in Gefühle und Gedankenspiele eintauchen kann, Orte, die ich im richtigen Leben nie aufsuchen würde oder aufsuchen wollte. 

Ein sehr interessanter Gedanke mit der Sehnsucht!  sunny Das ist ja letztendlich auch das Fundament des Themas.
Mich haben Filme oder Bücher immer schon sonderbar angerührt, die von einem Ort "jenseits des Regenbogens" berichteten. Ich finde es sehr schön, dass man sich solche Refugien zumindest vorstellen kann. Wenn man es sich vorstellen kann, dann kann man es evtl. auch eines Tages wirklich einmal realisieren. Weltfrieden. Alle verstehen sich. cheers sunny

Vielleicht bin ich in der Hinsicht naiv, aber ich denke, dass das wirklich irgendwann mal möglich ist.
Bücher, gute Filme, Bilder, Musik, usw. können dabei helfen, nicht aufzuhören zu träumen und zu hoffen.




@Herzeloyde schrieb:Genau. Und das funktioniert nur, wenn der Autor mit seinen eigenen Gefühlen dahinter stehen kann, bwz. seine eigenen Gefühle investiert hat. Ich glaube, es ist vergleichbar mit jeder Form der Kunst. Wenn ein Pianist ein schwieriges Stück technisch einwandfrei spielt, berührt uns das nicht. Nur wenn er seine eigenen Gefühle investiert, bewegt sich etwas im Inneren der Zuhörer.

Ja, auch das Herz und die Seele müssen mit dabei sein!  Smile Kopf und Herz. Ich finde Texte manchmal schöner, die zwar technisch nicht völlig ausgereift sind, aber zum Nachdenken anregen und einem im Herzen berühren.
Das Werkzeug ist natürlich auch wichtig. Man kann sich einen eigentlich guten Text leicht durch die falsche Technik verderben.
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Quixotiz am Mo Aug 29, 2016 8:21 am

@Earu

Shocked Du stellst blöde Fragen. Blöd, weil sie für mich so schwer zu beantworten sind Laughing
Unter normal, verstehe ich Texte mit einer klaren Sprache und klaren Bildern, deren Handlung größtenteils Außen oder in der Draufsicht stattfindet.
Ich habe irgendwann gemerkt, dass es mir mehr Spaß macht, wenn ich die Handlung nach innen verlege und mehr nach Gehör, also einer Melodie folgend schreibe.
Und seit ich mehr so schreibe, und manchmal den Klang dem Sinn überordne (was nicht heißt, dass da kein Sinn ist!), muss mich sehr (ach ja! ein Seufzer!) sehr oft dafür rechtfertigen, warum ich überhaupt Kritik zu meinen Texten suche, die aufgrund ihrer Form doch sowieso nicht für eine Veröffentlichung taugen. So nach dem Motto: Wenn du deinen Stil nicht ändern willst, brauchst du auch keine Verbesserungsvorschläge, weil du, so wie du schreibst, ja eh nur für dich und dein Ego schreibst. Etc. pp.
Das meine ich mit radikal.
Wenn jemand einen Text nicht versteht, kein Problem. Das kann durchaus am Text liegen, egal wie er geschrieben wurde. Aber wenn jemand statt “Ich versteh’s nicht” gleich sagt “das will ich überhaupt nicht verstehen, da gibt es nichts zu verstehen, nach einem Absatz weiß ich schon bescheid”, wird einem von die Chance verwehrt, irgendetwas zu lernen oder eine andere Sicht auf das Geschriebene kennenzulernen. Dabei sind gerade die Kommentare derer, die einen Text nicht verstehen, besonders wichtig.

Die Therapiebezeichnung habe ich eigentlich nur deshalb kritisiert, weil sie mir das Gefühl vermittelt, ich würde irgendwann dann auch mal austherapiert sein, was vermutlich nie passieren wird silent. Aber du hast Recht, die Bewältigung beinhaltet eigentlich dieselbe Aussage.


@DrJones
Hey, eigentlich bin ich im Exil bzw. in der Auszeit. Laughing


Macht nichts. Ich bin eigentlich schon seit Monaten überhaupt nicht mehr hier Laughing


Ich glaube nicht, dass Romanfiguren jemals so viele Dimensionen haben, wie echte Menschen. Aber sie können den Anschein erwecken, sie hätten eben so viele Dimensionen. Das stimmt schon.
Wenn sie auf den Leser treffen, können sie neue oder bis dahin unbekannte Dimensionen in ihm eröffnen. Aber nicht in sich selbst.
Andererseits ... hm, ist das vielleicht auch ein bisschen kleinlich gedacht! Denn wenn man es genau nimmt, wirken reale Menschen wahrscheinlich auch nicht mehr oder weniger als Romanfiguren auf mich ein, obwohl sie in alle Richtungen existieren. Denn genau genommen ist ihre Mehrdimensionalität, dieses Existieren in allen Zeiten und allen Gefühlen und Atemzügen usw. meistens auch nur Theorie für mich als Betrachter.

Kompliziert! Da halte ich mich lieber an die Aufbruchsstimmung. Die Beschreibung hat mir genauso gut gefallen wie unserer Herzeloyde!


Tja. Mit der Wahrheit und Wirklichkeit ist das immer sone Sache. Da merkt man sofort, dass die Sprache ihre Grenzen hat, weil sie auch ziemlich unscharf ist Laughing
Das Thema fließt jetzt mit dem von @Herzeloyde zusammen, die das so perfekt umschrieben hat! (du solltest öfter mitdiskutieren) Wir wachsen in dem Glauben auf, alles in der Welt sei determiniert. Und das alles in dieser Welt einen Namen hat. Ich glaube, das allein macht schon viel aus. Dieser Zwang allem einen Namen zu geben. Weil mit jedem Namen schon eine bestimmte Bedeutung, Wertigkeit und weiterführende Assoziation einhergehen.
Noemis’ These zur Gesellschaft stimme ich zu. Man darf da zwar auch nicht zu sehr schwarz und weiß malen, weil die Existenz einer Gesellschaft auch eine Lebensgrundlage darstellt, aber heutzutage kehrt sich das Prinzip mehr und mehr ins Gegenteil um: Nicht wir Menschen formen die Gesellschaft, die Gesellschaft formt uns, zum Zwecke des Profits. Abstrakter und hirnrissiger geht es eigentlich gar nicht. Trotzdem ist es schwer, sich dem zu entziehen. Und tatsächlich opfern die meisten Menschen einen Großteil ihrer Lebenszeit den gesellschaftlichen Normen.


Apropos Lebenszeit: Jetzt muss ich ein bisschen Gas geben

@Traummuschel
Dein Weltbild ist ganz schön biblisch Wink Da ist das Gute (Gott) und das Böse (Satan, der aus dem Himmel vertrieben wurde (auch son traumatisierter Antagonist) und der Mensch dazwischen, der immer hin und her gerissen ist. Das ist Dualität.

Ich mache in der Regel kurzen Prozess: Bei mir sind die Bösen immer die Protagonisten. Die Guten langweilen mich zu sehr  Twisted Evil
Gut, finde ich DrJones Hinweis, dass die Bösen sich nicht für böse halten! Die Beweisführung muss gerade bei den Bösen stichhaltig sein. Bosheit muss immer doppelt und dreifach gerechtfertigt werden. Aber das ist ausnahmsweise mal etwas, was uns Menschen zur Ehre gereicht: Das wir uns nicht vorstellen können, dass jemand grundlos böse ist Wink


Wen oder was habe ich noch vergessen? Tachadenn ... eh @Tachadenn ... tja! Jetzt bin ich genauso schlau als wie zuvor. Bis zu der Deutung deines Namens, weiter oben, habe ich dich tatsächlich für männlich gehalten. Dann nicht mehr. Jetzt wieder. Aber das sagt man keiner Frau und vielleicht auch keinem Mann, und umgekehrt sagt man es sowieso niemandem. Also, des Rätsels Lösung: Das Rätsel ist ein Rätsel und bleibt ein Rätsel. In welcher Sprache heißt es denn “das Klecks?” Laughing


(das war jetzt minimalistisch geantwortet, aber irgendwie scheint ihr auch alle in Zeitraffer zu schreiben drunken  Wink)
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  DrJones am Mo Aug 29, 2016 9:00 am

@Quixotiz schrieb:Wenn jemand einen Text nicht versteht, kein Problem. Das kann durchaus am Text liegen, egal wie er geschrieben wurde. Aber wenn jemand statt “Ich versteh’s nicht” gleich sagt “das will ich überhaupt nicht verstehen, da gibt es nichts zu verstehen, nach einem Absatz weiß ich schon bescheid”, wird einem von die Chance verwehrt, irgendetwas zu lernen oder eine andere Sicht auf das Geschriebene kennenzulernen. Dabei sind gerade die Kommentare derer, die einen Text nicht verstehen, besonders wichtig.


Langsam kann ich Deinen Namen fehlerfrei schreiben. Laughing  Was bedeutet er eigentlich?

@topic: Ja, was Du beschreibst, zeigt ein, mMn, extrem unfaires Verhalten gegenüber dem Autoren, wenn sich Zuhörer auf diese Art und Weise von vornherein seinem Text gegenüber verschließen. Ich halte es so, dass ich mich auf einen Text erstmal irgendwie einlasse, das Spiel des Autoren - denn das ist es auch - mitspiele. Vielleicht schmeckt mir der Text nicht. Das ist ja auch mal eine Erfahrung, die man an sich beobachten kann und evtl. sogar genießen kann, wenn mal etwas nicht stimmt. Wenn der Text fordert, quält. Was ich allerdings schmerzlich finde, ist, wenn ich merke, dass die Wirkung eines Textes anders gedacht war und es irgendwie, wie soll ich sagen, "verpatzt wurde".
Natürlich gibt es auch grottenschlechte Texte, die z. B. etwas sein wollen, was sie einfach nicht sind. Darüber kann sogar ich mich ärgern. Prätentiöse Sachen. Nachgemachte Sachen.



@Quixotiz schrieb:Wenn sie auf den Leser treffen, können sie neue oder bis dahin unbekannte Dimensionen in ihm eröffnen. Aber nicht in sich selbst.
Andererseits ... hm, ist das vielleicht auch ein bisschen kleinlich gedacht! Denn wenn man es genau nimmt, wirken reale Menschen wahrscheinlich auch nicht mehr oder weniger als Romanfiguren auf mich ein, obwohl sie in alle Richtungen existieren. Denn genau genommen ist ihre Mehrdimensionalität, dieses Existieren in allen Zeiten und allen Gefühlen und Atemzügen usw. meistens auch nur Theorie für mich als Betrachter.

Jetzt flashst Du mich richtig! Cool! cheers bounce bounce bounce 
Man hat nur ein Gehirn, dass andere Menschen wahrnimmt und Figuren entwerfen kann. Eine Figur könnte sich zu einem echten Menschen  verhalten wie ein Traum zur Wirklichkeit. Jetzt die Frage: Ist ein Traum nicht auch eine Art der Wirklichkeit? Halte mich für verschroben, aber: Ich denke, dass Figuren wie z. B. Gandalf, Oliver Twist, Sherlock Holmes ... auf eine Art wirklich existieren. Sie haben Repräsentationen in unserem (kollektiven) Bewusstsein, so wie andere historische Persönlichkeiten auch: Gandhi, John Lennon, Hellmut Schmidt usw. Auf einer bestimmten Ebene ist das vergleichbar. Natürlich lebte nie ein Gandalf - doch erscheint er mir auf eine Art absolut lebendig und real. Oder der Weihnachtsmann. Erwachsene sagen: "Der Weihnachtsmann, den gibt es nicht!" Ich frage: "Wirklich nicht? Aber wieso redet Ihr dann alle über den Weihnachtsmann?" Es ist irgendwo ein Widerspruch in sich zu sagen: "XYZ gibt es nicht", da durch die Nennung "XYZ", XYZ selbst schon in das Dämmerlich der Existenz gehoben wird.
Okay, ich beende jetzt mal meinen kleinen Philo-Exkurs, da mir sonst die Augen rausfallen. Laughing



@Quixotiz schrieb:Kompliziert! Da halte ich mich lieber an die Aufbruchsstimmung. Die Beschreibung hat mir genauso gut gefallen wie unserer Herzeloyde!

Hey, Danke!! cheers sunny



@Quixotiz schrieb:Wir wachsen in dem Glauben auf, alles in der Welt sei determiniert. Und das alles in dieser Welt einen Namen hat. Ich glaube, das allein macht schon viel aus. Dieser Zwang allem einen Namen zu geben. Weil mit jedem Namen schon eine bestimmte Bedeutung, Wertigkeit und weiterführende Assoziation einhergehen.

Viele verwechseln die Referenz mit der Metapher. Wir leben in einer Welt der Metaphern, der Kern der eigentlichen Dinge bleibt uns jedoch verborgen. Die Dinge stehen außerhalb der Begrifflichkeiten. Du hattest den Begriff "Dualität" erwähnt. Auch so ein Thema. Wir Menschen nehmen immer Gegensatzpaare wahr: Gut und böse, klein und groß, männlich und weiblich ... Auf einer bestimmten Ebene lösen sich diese Gegensatzpaare auf. Das kann man auch in der Literatur integrieren: These, Antithese und dann Synthese (Auflösung). Der Prota nimmt oft eine Position am Ende ein, die das Gegensatzpaar A vs B überwindet und zu einem C führt, das über A und B schwebt.


@Quixotiz schrieb:Trotzdem ist es schwer, sich dem zu entziehen. Und tatsächlich opfern die meisten Menschen einen Großteil ihrer Lebenszeit den gesellschaftlichen Normen.

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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Earu am Di Aug 30, 2016 12:07 am

@Quixotiz schrieb:Ich habe irgendwann gemerkt, dass es mir mehr Spaß macht, wenn ich die Handlung nach innen verlege und mehr nach Gehör, also einer Melodie folgend schreibe.
Und seit ich mehr so schreibe, und manchmal den Klang dem Sinn überordne (was nicht heißt, dass da kein Sinn ist!), muss mich sehr (ach ja! ein Seufzer!) sehr oft dafür rechtfertigen, warum ich überhaupt Kritik zu meinen Texten suche, die aufgrund ihrer Form doch sowieso nicht für eine Veröffentlichung taugen. So nach dem Motto: Wenn du deinen Stil nicht ändern willst, brauchst du auch keine Verbesserungsvorschläge, weil du, so wie du schreibst, ja eh nur für dich und dein Ego schreibst. Etc. pp.
Jetzt glaube ich zu verstehen, was du meinst, und ich würde gerne mal einen Text von dir lesen, der so geschrieben ist. Vielleicht hast du ja einen, der nicht zu lang ist? Sonst fühle ich mich allein schon durch die Masse und die Erwartungshaltung überfordert. Smile
Es ist natürlich ein schweres Los, wenn du nicht die Kritik bekommst, die du dir wünschst, und dein Text durch deine Testleser nicht so aufgenommen und verstanden wird, wie du es willst. Da verstehe ich, weshalb du zweifelst. Aber das ist ein Thema, das wir besser woanders vertiefen sollten. Ich muss nur daran denken, dich darauf anzusprechen. drunken
@Quixotiz schrieb:Die Therapiebezeichnung habe ich eigentlich nur deshalb kritisiert, weil sie mir das Gefühl vermittelt, ich würde irgendwann dann auch mal austherapiert sein, was vermutlich nie passieren wird silent. Aber du hast Recht, die Bewältigung beinhaltet eigentlich dieselbe Aussage.
Ich bin ziemlich unsicher, inwiefern man mich austherapieren kann. Ich wünsche es mir prinzipiell, aber ich habe das Gefühl, so völlig anders als der Rest der Welt zu sein. Da ich immer nur dazugehören wollte, fühlt sich das falsch an. Meine Therapie wäre wohl erfolgreich abgeschlossen, wenn sich dieses Gefühl auflösen würde und ich mich akzeptieren könnte, wie ich bin. Trotzdem stolpert jeder Mensch täglich in irgendeine Situation hinein, über die er gerne mit jemandem ausführlich reden würde. Das ist auch schon Therapie. Die Frage ist nur, ob du jemanden dafür hast oder ob du einen Therapeuten brauchst. So gesehen brauchst du bis zum Ende deiner Tage Therapie. Smile

@Quixotiz schrieb:Denn wenn man es genau nimmt, wirken reale Menschen wahrscheinlich auch nicht mehr oder weniger als Romanfiguren auf mich ein, obwohl sie in alle Richtungen existieren. Denn genau genommen ist ihre Mehrdimensionalität, dieses Existieren in allen Zeiten und allen Gefühlen und Atemzügen usw. meistens auch nur Theorie für mich als Betrachter.
Ich finde diesen Aspekt, den du ansprichst, überhaupt nicht kompliziert. DrJones spricht es ja schon an, indem er den Weihnachtsmann aufführt. Da kann ich ihm nur beipflichten. Es gibt Figuren, die mich so stark beeindrucken, dass si mich eben auch entsprechend beeinflussen können. Und das, obwohl sie nur zweidimensional auf dem Papier oder dem Fernseher existieren. Dagegen gibt es Menschen aus Fleisch und Blut, die mich nicht im geringsten berühren, weil sie einfach auf einer falschen Wellenlänge existieren.
@Quixotiz schrieb:Das Thema fließt jetzt mit dem von @Herzeloyde zusammen, die das so perfekt umschrieben hat! (du solltest öfter mitdiskutieren) Wir wachsen in dem Glauben auf, alles in der Welt sei determiniert. Und das alles in dieser Welt einen Namen hat. Ich glaube, das allein macht schon viel aus. Dieser Zwang allem einen Namen zu geben. Weil mit jedem Namen schon eine bestimmte Bedeutung, Wertigkeit und weiterführende Assoziation einhergehen.
Und es stand schon in der Bibel, dass Adam Gottes Geschöpfen einen Namen geben soll, dass er allem einen Namen geben soll. Ich kann es nicht auswendig, aber so steht es schon auf den ersten Seiten im Alten Testament. Diese Geschichte fand, wenn man daran glauben will, laaaange vor unserer Zeitrechnung statt. Da ist es doch normal, dass dieser "Zwang" immer noch in uns steckt.
@Quixotiz schrieb:Nicht wir Menschen formen die Gesellschaft, die Gesellschaft formt uns, zum Zwecke des Profits. Abstrakter und hirnrissiger geht es eigentlich gar nicht. Trotzdem ist es schwer, sich dem zu entziehen. Und tatsächlich opfern die meisten Menschen einen Großteil ihrer Lebenszeit den gesellschaftlichen Normen.
Das Philosophische will hier gar nicht mehr aufhören. Smile Du hast völlig Recht mit dieser Aussage. Jedenfalls sehe ich es genauso wie du. Ist man nicht so, wie die Gesellschaft es will, ist man ein Außenseiter und muss auf verschiedene Annehmlichkeiten verzichten. Versucht man sich trotzdem anzupassen, wird man krank, weil man etwas vorspielt, das sich mit den eigenen Ansichten beißt. Ist man krank, ist man gar nicht mehr in der Lage, dieses doofe Spiel mitzuspielen, und die Gesellschaft wendet sich naserümpfend ab. Da macht es gar keinen Sinn, sich anpassen zu wollen. Lieber findet man seinen eigenen Weg und kommt mit dem aus, was das Leben den Außenseitern zu bieten hat.

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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

Beitrag  Herzeloyde am Di Aug 30, 2016 12:47 am

Leute, könnt ihr auch ein bisschen langsamer diskutieren? Es ist ja nicht so, dass wir hier einen Abgabetermin hätten Laughing

Aber spannend, also, wo waren wir?  bounce
 

Vielleicht bin ich in der Hinsicht naiv, aber ich denke, dass das wirklich irgendwann mal möglich ist.
Bücher, gute Filme, Bilder, Musik, usw. können dabei helfen, nicht aufzuhören zu träumen und zu hoffen.
Eine schöne Idee ... ich glaube auch, dass Bücher und Musik die Welt "besser" machen können. Aber besser im Sinne von sensibler. Dass sie helfen können, hinter Fassaden zu sehen und komplexe Vorgänge transparent zu machen.



Quixo schrieb:Das kann durchaus am Text liegen, egal wie er geschrieben wurde. Aber wenn jemand statt “Ich versteh’s nicht” gleich sagt “das will ich überhaupt nicht verstehen, da gibt es nichts zu verstehen, nach einem Absatz weiß ich schon bescheid”, wird einem von die Chance verwehrt, irgendetwas zu lernen oder eine andere Sicht auf das Geschriebene kennenzulernen. Dabei sind gerade die Kommentare derer, die einen Text nicht verstehen, besonders wichtig.


Dr. Jones schrieb:Ja, was Du beschreibst, zeigt ein, mMn, extrem unfaires Verhalten gegenüber dem Autoren, wenn sich Zuhörer auf diese Art und Weise von vornherein seinem Text gegenüber verschließen.

Ja, das ist dann natürlich schade für dich als Autor, weil du quasi ein Feedback weniger hast. Aus eigener Erfahrung muss ich allerdings sagen, dass man auch gar nicht immer was lernen will. Für komplexe, bzw. emotional anspruchsvolle Texte muss es mir gut gehen, sonst reicht meine Konzentrationsspanne (die mit dieser Diskussion schon fast überfordert ist) einfach nicht aus. D.h. der Verweigerer nimmt zuallererst sich selbst was weg (die Möglichkeit zu lernen nämlich), aber es gibt auch für alles im Leben die richtige Zeit und wenn die nicht da ist, dann kannst du als Autor das auch nicht ändern.

Daraus schliessen zu wollen, dass du besser nicht schreiben solltest (oder warum auch immer du diesen Entschluss gefasst hast), finde ich allerdings fatal. Du weisst, ich bin ein grosser Fan deines Stils.  strauß Und finde es im Übrigen total interessant , dass du (und auch @magico) in diesem Rollenspiel in deinem Büchersaal für mein Empfinden besser schreibst als in deinen 100 mal neu geschriebenen Romankapiteln. Irgendwie scheinen dort die Worte freier und ungezwungener zu fliessen, was mir bei euch beiden sehr positiv auffällt. Da läge dann die Frage nahe (um unauffällig wieder zum Thema zurückzukehren), warum schreibst du dort und liesse sich diese Motivation nicht auch auf einen Roman übertragen?


Ich wünsche es mir prinzipiell, aber ich habe das Gefühl, so völlig anders als der Rest der Welt zu sein.
Ich glaube, das Thema hatten wir irgendwann schon mal @Earu und ich frage mich dann immer, ob es nicht allen so geht. Da könnt ich wieder meine Gesellschaftsschiene vertiefen und fragen, ob es nicht die Gesellschaft deswegen braucht (um ganz grundsätzlich @Quizotiz zuzustimmen), um all die Menschen zu verbinden, die sich gegenüber ihrer Spezies als grundsätzlich anders empfinden. Aber das wär dann definitv off topic.
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Re: Warum schreibt Ihr Geschichten?

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