Wo hört Inspiration auf und wo beginnt Abschreiben?

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Wo hört Inspiration auf und wo beginnt Abschreiben?

Beitrag  Kelpie am Fr Nov 06, 2015 2:14 am

Die Frage steht oben Wink Würde mich aus aktuellem Anlass interessieren.

Und um gleich mein Problem danebenzustellen: Der Funke meines Romans, den ich gerade schreiben, zündete meine Dozentin, als wir über altnordische bzw. skaldische Niddichtung sprachen (zu Deutsch: Neiding). Das beschreibt ziemlich atmosphärisch, wie Skalden reimend jemanden verfluchen oder verspotten. Eine tolle Strophe ist z.B. über einen Bischof, zu Deutsch:

Der Bischof hat geboren
neun Kinder
und Thorvald ist
der Vater von allen.

Wie gesagt, es war meine erste Inspiration, da ich wollte, dass mein Charakter im Höhepunkt der Geschichte jemand anderen verflucht. Wenn ich nun mein Fluchgedicht allerdings mit tatsächlichen Gedichten vergleiche, dann finde ich die letzte Strophe relativ ähnlich. "Eine Rune ritz ich" - so beginnt sie und so beginnen auch diverse bekanntere Gedichte.
Ich bin mir jetzt nicht sicher ... "zulässig" oder geht das auf keinen Fall?

Finde die Frage aber auch davon unabhängig diskussionswürdig. Ab wo beginnt in euren Augen ganz allgemein Abschreiben? Wo hat man sich also zu viel (bzw. eigentlich zu wenig) inspirieren lassen?



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Re: Wo hört Inspiration auf und wo beginnt Abschreiben?

Beitrag  Earu am Fr Nov 06, 2015 3:53 am

Ich kenne jemanden, die sagt, dass Der Hobbit und Herr der Ringe von den Geschichten um Odin und Thor inspiriert wurden. Tolkien (war doch der?) hätte die Geschichten genommen, schön durchmischt und etwas Neues daraus erschaffen. Alle sind begeistert und feiern ihn als Helden und Erschaffer der Fantasy. So hat sie sich ausgedrückt. Ich gehe mal davon aus, dass sie weiß, wovon sie spricht, weil sie sich viel mit Island beschäftigt hat, woher die alten Mythen zum Teil oder auch ganz stammen. Ich bin da nicht so ganz kapitelfest. Wen juckt es, dass er diese Mythen für seine Geschichten verwendet hat? Wer hat es überhaupt gemerkt? Ich vermute, die wenigsten. Hauptsächlich Leute, die sich damit befasst haben. Professoren zum Beispiel.

Ich sehe auch viele Parallelen von unserer Geschichte, egal ob die tatsächliche oder unsere Mythologie, zu den vielen veröffentlichten Büchern. Die Mittelalterromane orientieren sich an Überlieferungen, um die Zeit und das Drumherum wiederzugeben. SciFi orientiert sich an dem, was die NASA erforscht, und spinnt das weiter.

Ich denke, da ist es durchaus zulässig, wenn du dich an alten Gedichten/Beschwörungen orientierst. Wenn deine den alten gleichen, dann bekommt es sogar einen Hauch Authentizität. Und ich glaube, so alt wie diese Gedichte sind, wird dich keiner wegen Urheberrechts verklagen. Die Nachkommen derer, die diese gebildet haben, wissen wohl selber nicht, dass sie mit denen verwandt sind.

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Re: Wo hört Inspiration auf und wo beginnt Abschreiben?

Beitrag  Kelpie am Fr Nov 06, 2015 5:41 am

Weil du Tolkien ansprichst: Der hat in meinen Augen z.B. schon ein Stück zu viel kopiert. Zum (großen) Teil ganze Namen und je tiefer man in die Materie taucht, desto mehr findet man. Naja, man muss ihm zugute halten, dass er wirklich etwas verstanden hat.

Aber gut, so wie du es aufschreibst, klingt es durchaus akzeptabel, dass dieses Gedicht ähnlich klingt  scratch
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Re: Wo hört Inspiration auf und wo beginnt Abschreiben?

Beitrag  Alys am Fr Nov 06, 2015 6:00 am

Auch JK Rowling hat sich bei so ziemlich jeder Art von Mythologie frei bedient. Vom Hippogriff bis hin zum lebenden Schach - ist alles schonmal dagewesen. Trotzdem hat sie etwas eigenes daraus geschaffen.
Oder nimm Ulysses von Joyce - hat der sich von der Odysse nur inspirieren lassen, oder hat er die ganze Stuktur des alten Epos einfach nur kopiert? Darüber kann man gut streiten.

Ich merke bei mir beim Lesen immer, dass ich solches "Abschreiben" aus anderen Werken wohlwollend betrachte, wenn mir das restliche Buch gefällt. Dann denke ich mir beim Lesen augenzwinkernd "ach, daher hat der das", grinse und lese weiter. Wenn ich aber schon das ganze restliche Buch schlecht finde, dann wird mein Urteil eher ein verächtliches "ist ja alles abgekupfert" sein.
Fazit: nicht das Abschreiben an sich ist für mich kritisch, sondern wie elegant es gemacht wird.
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Re: Wo hört Inspiration auf und wo beginnt Abschreiben?

Beitrag  DrJones am Fr Nov 06, 2015 11:35 am

Wenn man etwas nachmacht, ohne eigene grundlegende Ideen
mit einzubringen, ist das Abschreiben - es sei denn, es ist ein offenes
"Plagiat" mit Änderungen, das gar nicht den Anspruch hat, komplett aus der
eigenen Feder zu stammen. Ich habe das mal mit Kafkas Verwandlung gemacht
und aus Spaß den Text verbogen und eine neue Bedeutungsebene
reingezogen ("Die Büchse der Pandora"). Da haben manche die Nase
gerümpft (nicht auf SWS, sondern in Reallife.):
"Ach, das ist doch Kafka!", haben die gesagt und gespielt empört geguckt.
"Jaaa, das ist doch klar!", habe ich da nur geantwortet.
Das ist sozusagen ein offenes "Plagiat", was ich da mit Kafka gemacht habe.

Jeder, der Kafka kennt, weiß, dass ich das absichtlich gemacht habe
und ich selbst weiß, dass das auch alle anderen wissen.

Kunst kann auch Imitation und Neuinterpretation bedeuten.
Das ist Kreativität.
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Re: Wo hört Inspiration auf und wo beginnt Abschreiben?

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